Ökumene

Überblick

Die meisten Begriffsdefinitionen beginnen mit der Herleitung aus dem Griechischen: oikouménē bedeutet „die ganze bewohnte Erde“. Heute ist bei dem Begriff Ökumene an die Beziehungen zwischen den verschiedenen christlichen Konfessionen (z.B. orthodox, evangelisch, katholisch, anglikanisch, freikirchlich) zu denken. Manchmal wird der Begriff auch für die Beziehungen zwischen den verschiedenen Religionen (z.B. Buddhismus, Hinduismus, Islam, Judentum, Christentum) verwendet. Allerdings sind die Zielsetzungen in beiden Bereichen unterschiedlich: Während es im interreligiösen Dialog (den Beziehungen zwischen den Religionen) vor allem um das gegenseitige Verständnis und das friedliche Zusammenleben geht, hat der ökumenische Dialog zwischen den christlichen Konfessionen zunächst das Ziel der christlichen Einheit. Ökumene lässt sich in diesem Sinne am besten als Prozess definieren. Dieser Prozess nimmt bereits die Form einer Gemeinschaft an- bzw. vorweg, mit dem Ziel, zu größerer Einheit zu finden und bestehende Grenzen und Widersprüche zu überwinden. Enge Definitionen von Ökumene setzen den Schwerpunkt bei der Überwindung von konfessionellen Grenzen und theologischen Streitfragen. Weitgefasste Vorstellungen von Ökumene sehen größere Probleme in kulturellen, nationalen und sozialen Grenzen und verstehen die Einheit der Menschheit (der „ganzen bewohnten Erde“) als Ziel der Ökumene. 


In der Alten Kirche standen Vorstellungen von Einheitskonzepten im Vordergrund, die Unterschiede ermöglichten. Das zeigt allein die Bibel, deren Zusammensetzung aus vielen verschiedenen Schriften sich damals herausbildete. Ein zentraler Konflikt in der Urkirche (vgl. Apg 15) wurde so gelöst, dass zwei unterschiedlichen Praktiken beim Eintritt in das Christentum nebeneinander bestehen konnten: Judenchristen brachten jüdische Riten mit sich zum Christentum, aber die Heidenchristen mussten sich für ihre Bekehrung nicht an jüdische Riten halten. Das Streben nach Einheit setzte v.a. mit dem Erstarken des Christentums ein und hat immer auch schon Spaltungen hervorgerufen: Theologische Streitfragen sollten in der Alten Kirche auf Konzilien gelöst werden. Oft haben diese Versammlungen neben vielen wichtigen Entscheidungen für die Gesamtkirche aber auch zur Abtrennung einer Gruppe geführt, die nicht einverstanden oder gar nicht anwesend war (so wurde als erstes z.B. die Assyrische Kirche des Ostens abgetrennt). Seither gab es in der Christenheit viele Spaltungen, die nicht immer primär eine theologische Frage zum Anlass hatten, sondern bei denen z.T. auch nicht-theologische Faktoren wie Machtfragen mit hineinspielten (z.B. bei der Trennung von Ost- und Westkirche). Es gab zwar nach jeder Kirchenspaltung Versuche, die Einheit wieder herzustellen (z.B. Unionskonzile von Lyon 1274 und Ferrara-Florenz 1438), die aber letztlich scheiterten. Außerdem gab es im 19. Jahrhundert Versuche, Kirchen zu einen (so entstanden z.B. unierte evangelische Landeskirchen), die von pragmatischen Interessen geleitet waren statt von der Glaubensüberzeugung einer notwendigen Einheit der Kirche. Erst im 20. Jahrhundert entstanden in Kanada, China, Südindien, Nordindien und den USA Vereinigungen von Kirchen, die eine Kirche aller Christ*innen an einem Ort anstrebten und so explizit eine ökumenische Vorstellung von Einheit realisierten. 


Das heutige Verständnis von Ökumene geht auf die Ökumenische Bewegung zurück. Deren Geburtsstunde wird in der Weltmissionskonferenz 1910 in Edinburgh gesehen. Damals trafen sich Vertreter der protestantischen Kirchen, weil sie realisierten, dass sie mit ihrer Konkurrenz in Missionsgebieten unglaubwürdig wirkten. Verschiedene Strömungen mündeten schließlich 1948 in die Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), der diese als Schwerpunkte seiner Arbeit noch immer in sich trägt: die Bewegung für Glauben und Kirchenverfassung, die Bewegung für Praktisches Christentum und die Missionsbewegung. Der ÖRK ist nicht der einzige ökumenische Zusammenschluss, aber weltweit der größte mit über 350 Mitgliedskirchen. Es gibt entsprechende Zusammenschlüsse auf kontinentaler Ebene; in Europa ist das die Konferenz Europäischer Kirchen (KEK). In Deutschland gibt es die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) mit 17 Mitgliedskirchen. 


Das 20. Jahrhundert, in dem die Ökumenische Bewegung entstand, wird auch als Jahrhundert der Ökumene bezeichnet. Darin haben sich die Kirchen der Ökumene geöffnet, allen voran die Kirchen aus der reformatorischen Tradition, die untereinander bemerkenswerte Erfolge erzielt haben. So haben sich unierte, lutherische und reformierte Kirchen 1973 in der Leuenberger Konkordie mit Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft zusammengeschlossen. Auch die Orthodoxie hat sich sehr früh zur Ökumene bekannt: Schon 1920 sandte der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel ein Sendschreiben an alle anderen Kirchen, um einen Bund nach dem Vorbild des Völkerbundes zu gründen. Aber seit dem Ende der Sowjetzeit müssen die meisten orthodoxen Kirchen ihr Verhältnis zur Ökumene und auch untereinander neu klären. Die katholische Kirche hat sich vergleichsweise spät der Ökumene geöffnet. Mit dem II. Vatikanischen Konzil hat sich ein Wandel im Ökumenebild der katholischen Kirche vollzogen: War vorher die Teilnahme an ökumenischen Versammlungen durch päpstliche Schreiben untersagt, wurde diese nun gefördert. Vorher kannte die katholische Kirche nur eine Rückkehrökumene: Alle Christ*innen müssten zur wahren Kirche Jesu Christi, der katholischen Kirche, zurückkehren. Das gilt heute als überwunden. Das Papsttum stellt jedoch wohl eine der größten ökumenischen Hürden dar, wie Papst Johannes Paul II. 1995 bemerkte.


Im Kern stellt sich in der Ökumene immer das Problem, dass die Kirchen unterschiedliche Merkmale für wichtig erachten, um sich  als Kirche Jesu Christi zu verstehen. Darum gibt es auch keine einheitliche Zielvision für die Ökumene. Alle Vorstellungen von den Zielen der Ökumene kreisen um die Frage: Wie viel Einheit(lichkeit) in Lehre und daraus hervorgehenden Strukturen ist notwendig, um sich gegenseitig als wahre Kirchen Jesu Christi anzuerkennen und auf dieser Basis eine neue Form von Einheit zu finden? Es gibt Modelle der Einheit der Kirche, die bei einer grundlegenden Übereinstimmung ansetzen und die weiteren Ausgestaltungen den einzelnen Mitgliedskirchen überlassen. Andere Modelle setzen auf den größtmöglichen Konsens, um eine Einheit der Kirche an jedem einzelnen Ort zu gewährleisten. Aus diesem Grund ist es auch so wichtig zu betonen, dass der ÖRK keine Über-Kirche ist, sondern eine Gemeinschaft, um gemeinsame Ziele zu erreichen. Nichtsdestotrotz ist die katholische Kirche kein reguläres Mitglied des ÖRK, was mit der Idee zusammenhängt, dass sie als einzige Kirche die wahre Kirche Jesu Christi vollkommen verwirklicht, woran die anderen Kirchen nur auf abgestufte Weise Anteil haben.


Über einzelne trennende Themen führen die Kirchen untereinander offizielle Dialoge auf verschiedenen Ebenen: bilateral zwischen zwei Kirchen, multilateral mit vielen Kirchen, weltweit, in verschiedenen Regionen. Daneben gibt es auch inoffizielle Dialoggruppen, die nicht direkt von den Kirchen (mit-)organisiert werden. In den Dialogen werden die Ergebnisse i.d.R. in Texten als Konsens oder Konvergenz (Annäherung bei verbleibenden Differenzen) zusammengefasst. Es gibt inzwischen fünf Buchbände, die die Ergebnisse der offiziellen Dialoge festhalten, die „Dokumente wachsender Übereinstimmung“. Ein wichtiges Beispiel für ein Dialogdokument, das auch in Deutschland große Aufmerksamkeit erfuhr, ist die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“. Diese wurde 1999 von Vertretern des Lutherischen Weltbunds und der römisch-katholischen Kirche unterzeichnet (2006 auch vom Weltrat methodistischer Kirchen) und formuliert einen Konsens in Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre, die in der Reformationszeit einer der wichtigsten Punkte war, die zur Trennung der Lutheraner von der römisch-katholischen Kirche führte. Die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen (GEKE) in Europa basiert auf einem gemeinsamen Verständnis von Taufe, Abendmahl und Evangelium, das in Lehrgesprächen herausgearbeitet wurde, die auch heute noch fortlaufen. Fast alle lutherischen, reformierten und methodistischen Kirchen Europas gehören der GEKE an.


Es setzt sich in der wissenschaftlichen Diskussion über die Ökumene immer mehr die Erkenntnis durch, dass die Dialoge zwar unverzichtbar sind, weil sie um die Wahrheit ringen, aber auch nicht allein den erwünschten Erfolg erzielen, nämlich der Einheit näher zu kommen. Oft wird das mit einer ausbleibenden Rezeption in Verbindung gebracht, d.h. es wird kritisiert, dass die Dialogergebnisse keine Konsequenzen für das Leben in der Kirche haben, dass sie für die einzelnen Gläubigen keine konkrete Rolle spielen und ihnen oft unbekannt sind. Es ist mit soziologischen und psychologischen Erkenntnissen plausibel anzunehmen, dass in ökumenischen Prozessen wie bei den Spaltungen der Kirchen auch weitere Gründe neben trennenden Lehrfragen eine Rolle spielen. Hier können auch das grundsätzliche bewahrende Element in organisatorischen Strukturen oder ein gewöhnliches Misstrauen gegenüber Veränderungen, wie es vielen Systemen innewohnt, genannt werden. 


Menschen verändern ihre Haltungen und Anschauungen oft in konkreten Begegnungen, die es ihnen ermöglichen, Vertrauen zu fassen zu einer neuen Einsicht und zu anderen Menschen. Kann ein solches Vertrauen auch in ökumenischen Prozessen zwischen Kirchen weiter wirksam werden? Die gelebte Ökumene ist dafür unverzichtbar. Gute Beispiele für Zusammenarbeit und gemeinschaftliches Engagement der Kirchen sind der Konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung oder auch transkonfessionelle Gemeinschaften wie die Communauté de Taizé. In Deutschland gibt es die Ökumenischen Kirchentage (2003 in Berlin, 2010 in München und 2021 in Frankfurt a.M.). Dabei steht jedoch auch immer die Frage im Raum, warum ein gemeinsames Abendmahl nicht möglich ist. Zwar ist ökumenisch auch im liturgischen Bereich längst einiges möglich, und das Gebet für die Einheit der Christen (institutionalisiert in der jedes Jahr stattfindenden Gebetswoche für die Einheit der Christen) hat in den Kirchen einen hohen Stellenwert – aber ein gemeinsames Abendmahl ist zwischen einigen Kirchen noch nicht möglich (z.B. können die römisch-katholische Kirche und auch die orthodoxen Kirchen aus ihrem Selbstverständnis heraus Gläubige aus anderen Kirchen nicht zum Abendmahl zulassen). Gemeinsames Abendmahl ist erst möglich, wenn die Einheit der Kirche wieder besteht. Insbesondere für konfessionsverbindende Ehen ist das ein Problem. Ein weiteres Problem der gelebten Ökumene ist das Verständnis der Taufe. Diese gibt es zwar in allen Kirchen und sie kann darum als verbindend erachtet werden. Jedoch wird sie zwischen den täuferischen Kirchen und den anderen Kirchen, aber auch zwischen Orthodoxen und anderen Kirchen nicht anerkannt, sodass Menschen, die zu einer täuferischen Kirche oder manchen orthodoxen Kirchen konvertieren, erneut getauft werden.


Heute scheinen nachwachsende Generationen nicht mehr so sehr von der ökumenischen Aufbruchsstimmung des 20. Jh. Geprägt zu sein. Empirische Studien (z.B. der Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung) zu Religiosität und Wertvorstellungen zeigen , dass Unterschiede in den Haltungen von gläubigen Menschen (wie etwa konservativ oder liberal) quer durch die Konfessionen hindurch zu finden sind. Die Schwerpunkte des Christentums verändern sich zudem. Während in einigen Regionen der Welt das Christentum rasant wächst, v.a. durch die charismatischen Bewegungen, nehmen konfessionelle Prägungen hierzulande eher ab. Diese Herausforderungen werden die Ökumene des 21. Jh. mitprägen.

 

Maria Wernsmann


Literatur

Dietrich Ritschl/Werner Ustorf: Ökumenische Theologie. Missionswissenschaft. Stuttgart: Kohlhammer 1994 (= Grundkurs Theologie; Bd. 10,2).


Johannes Oeldemann: Einheit der Christen. Wunsch oder Wirklichkeit? Kleine Einführung in die Ökumene. Regensburg: Pustet 2009.


Michael Kappes/Ulrike Link-Wieczorek/Sabine Pemsel-Maier/Oliver Schuegraf (Hg.): Basiswissen Ökumene. 2 Bde. Leipzig/Paderborn: Evangelische Verlagsanstalt/Bonifatius 2019.
 

Zurück