Gottesdienst/Liturgie

Einleitung

Das Feiern von Gottesdiensten ist zentraler Ausdruck des christlichen Glaubens. Christinnen und Christen aller Traditionen stimmen darin überein, dass sich im gottesdienstlichen Feiern Kirche realisiert, da hier die Gemeinschaft mit Gott und untereinander erfahrbar wird. Gemäß der Confessio Augustana (CA VII) und den 39 Artikeln der anglikanischen Kirche (Art. 19) definiert sich Kirche als die Gemeinschaft derer, die sich um Wort und Sakrament, also im gottesdienstlichen Vollzug, versammeln. Als Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt, und als Kraftquelle beschreibt die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils die Liturgie (SC 10). Gottesdienst- und Kirchengemeinschaft sind auch im orthodoxen Verständnis nicht voneinander zu trennen, da Gottesdienst Teilhabe am Leib Christi, d.h. der Kirche bedeutet. Auch wenn alle Traditionen dem Gottesdienst eine so hohe Bedeutung zumessen, so ist doch unterschiedlich, was in den verschiedenen Konfessionen unter „Gottesdienst“ und „Liturgie“ verstanden wird.

 


Begriffsklärungen

In einigen Traditionen, wie der römisch-katholischen oder orthodoxen, impliziert der Begriff „Gottesdienst“ eine gottesdienstliche Feier mit Eucharistie. Andere sehen die Bezeichnung „Gottesdienst“ eher als einen Oberbegriff an, unter den ganz verschiedene Formen des gemeinsamen Feierns subsumiert werden. Römisch-katholische Christinnen und Christen verwenden oft den Begriff „(Heilige) Messe“. Auch „Liturgie“ hat ein weites Bedeutungsspektrum. Orthodoxe Gläubige sprechen von der „Göttlichen Liturgie“ (meist Chrysostomus- oder Basiliusliturgie) und bezeichnen damit ihre Eucharistiefeier. Andere Traditionen verstehen unter „Liturgie“ generell eine Gottesdienstordnung, wie sie in Agenden abgedruckt ist. Aufgrund der eucharistischen Implikationen können „Gottesdienste“ im orthodoxen Verständnis nur von einer Kirche verantwortet werden; somit ist hier eine ekklesiale Einheit unabdingbare Voraussetzung.

 


Das Verständnis von Gottesdienst in den verschiedenen Konfessionen

Ein Gottesdienst hat grundlegend zwei Dimensionen: der ‚Dienst‘ Gottes an den Menschen und der ‚Dienst‘ des Menschen für oder an Gott. Je nach Betonung der einen oder der anderen Dimension sind Gottesdienste in den verschiedenen Konfessionen unterschiedlich gestaltet. In der orthodoxen Tradition beispielsweise ist die ‚Liturgie‘ ein Abbild des Himmels, der sich hier für die Menschen öffnet. Gott dient so den Menschen. In anderen Traditionen steht die Verkündigung des Wortes Gottes im Vordergrund. Und in wieder anderen Kirchen ist es die Anbetung, die im Zentrum steht und mit der Menschen Gott einen Dienst erweisen.
Gottesdienst ist dabei in allen Traditionen ein vieldimensionales Geschehen, das alle Sinne anspricht: Die Architektur und Einrichtung des Kirchraums, die Gerüche, die musikalische Gestaltung und die Rolle der Liturginnen und Liturgen gehören ebenso zum Gottesdienst wie das gesprochene Wort und ggf. der Empfang der Eucharistie. Auch das Kirchenjahr mit verschiedenen Festen und Gedenktagen von Heiligen schlägt sich im gottesdienstlichen Geschehen nieder. In alledem zeigen sich sehr unterschiedliche Charakteristika des Gottesdienstes in den verschiedenen Traditionen: In orthodoxen Kirchen fällt oft zunächst die Ikonostase ins Auge, hinter der im Gottesdienst die eucharistischen Gaben bereitet werden. Ein Wort- und ein Eucharistieteil schließen sich hieran an. Die Gläubigen erleben in der fest ausgeformten, jahrhundertealten Liturgie und den Ritualen Gott mit allen Sinnen, lassen sich in einen Raum der Gottesbegegnung hineinnehmen und partizipieren somit am himmlischen Geschehen. Die große Bedeutung der Eucharistie teilen die Orthodoxen mit der römisch-katholischen Kirche: Das Missale Romanum (erneuertes Messbuch; 1969) legt zumeist die Grundlage für die Messfeier, in der der Priester am Altar stellvertretend für die Gemeinde in persona Christi handelt. Die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils Sacrosanctum Concilium brachte viele Neuerungen, wie die Verwendung der jeweiligen Landessprache und zunehmende Möglichkeiten der aktiven Beteiligung des ganzen Volkes Gottes. Neben der Messe haben Stundengebete eine große Bedeutung für viele römisch-katholische Christinnen und Christen. Die Anglikanische Kirchengemeinschaft kennt eine Vielfalt an Gottesdienstformen – einige hiervon sind eher traditionell und hochkirchlich (high-church), andere legen einen Fokus darauf, in moderner Sprache Menschen von heute anzusprechen und experimentieren mit neuen Formen (vgl. low-church-Bewegung/Fresh-X). Morgengebete und der abendliche Evensong sind feste Bestandteile der anglikanischen Gottesdienstpraxis, die im Wesentlichen im Book of Common Prayer festgehalten ist. Während manche lutherischen Kirchen ebenfalls eher hochkirchliche Gottesdienste feiern und sich an die Liturgie der Evangelischen Messe halten, orientieren sich andere eher an einer schlichten liturgischen Form, die historisch aus einem Prädikantengottesdienst ohne Abendmahl erwachsen ist. Traditionell hat die Predigt in der evangelischen Tradition einen hohen Stellenwert. So auch in reformierten Gottesdiensten, die sich meist durch einen Kirchraum ohne Bebilderung, eine häufig schlichte Liturgie und gesungene Psalmvertonungen auszeichnen. Die Gottesdienstpraxis in Freikirchen ist sehr verschieden und reicht von dem schweigenden Gebet der Quäker (Society of Friends), über Gottesdienste, die sich kaum von denen evangelischer Landeskirchen unterscheiden, hin zu einer Gestaltung, die von modernen Lobpreisliedern und Anbetung geprägt ist. In einigen Pfingstkirchen sowie (neo-)charismatischen Gemeinden gehören freie Zungenrede, Handauflegungen, Heilungen und Bekehrungsaufrufe mit zum gottesdienstlichen Geschehen. Gebetshäuser, wie das in Augsburg, laden zu einer Anbetung rund um die Uhr ein (24/7-Prayer). Bewegungen wie Hillsong oder ICF (International Christian Fellowship) setzen auf eine moderne Jugendsprache, professionelle Band-Musik und eine weltweite digitale Vernetzung.

 


Ökumenische Konvergenzen und Divergenzen

Stand in den ersten Jahren der Ökumenischen Bewegung das Kennenlernen anderer gottesdienstlicher Traditionen im Vordergrund, so wurde ab der Mitte des 20. Jahrhunderts zunehmend Wert darauf gelegt, Konvergenzen herauszuarbeiten und im gemeinsamen Feiern die in Christus gegebene Einheit erfahrbar zu machen. Hierbei kristallisierte sich eine gemeinsame Grundstruktur („ordo“) heraus, die dann mit Elementen aus verschiedenen Traditionen gefüllt wird: Eingangsliturgie (Trinitarische Eröffnung, Gebete [oft: Psalmgebet, Kyrie, Gloria, Kollektengebet]), Wortteil (Biblische Lesungen, Predigt), ggf. Mahlteil (Einsetzung der Eucharistie und Austeilung, oft: Vaterunser) und Sendung (Segen).Auch das Sprechen eines Glaubensbekenntnisses (meist Nizäno-Konstantinopolitanum [381] oder Apostolikum) und Fürbitten sind in vielen Traditionen fest verankert.
Das Thema Gottesdienst berührt eine Vielzahl an ökumenischen (Kontrovers)-Themen. Die Ekklesiologie und das unterschiedliche Verständnis von Kirche, aber auch das unterschiedliche Verständnis des Abendmahls/der Eucharistie und die damit verbundene Amtstheologie bzw. die (Nicht-)Anerkennung von Weihen/Ordinationen anderer Traditionen verhindern bis heute die Abendmahlsgemeinschaft oder auch eucharistische Gastfreundschaft zwischen manchen Kirchen. Eng damit verbunden ist auch die Frage der Frauenordination.


Gottesdienst und Liturgie im ökumenischen Kontext

Gottesdienste und Gebete sind auch aus der ökumenischen Bewegung nicht wegzudenken. Gebetsbewegungen prägten die Ökumenische Landschaft seit den ersten Anfängen (z.B. Weltgebetstag der Frauen, Gebetswoche der Evangelischen Allianz, Gebetswoche für die Einheit der Christen). Eine sichtbare Einheit der Kirchen, die im gemeinsamen Gottesdienst und in einer eucharistischen Gastfreundschaft zum Ausdruck kommt, war von Beginn an ein Thema der Ökumenischen Bewegung. Bisweilen wurden Gottesdienste und Gebete als „Quelle der Einheit“ und „Herz der Ökumene“ oder „Seele der ökumenischen Bewegung“ (UR 8) bezeichnet. Auf der anderen Seite wird im Gottesdienst die fehlende Gemeinschaft, die Trennung am Tisch des Herrn besonders schmerzlich erfahrbar. Für gemeinsame Feiern wurden im Lauf der Geschichte unterschiedliche Formen gefunden. Zudem wird füreinander oder für gemeinsame Anliegen gebetet, ohne zwingend miteinander zu beten. So waren und sind Menschen verschiedener Traditionen im Gebet für Frieden, Gerechtigkeit, die Bewahrung der Schöpfung, für die Einheit unter Christinnen und Christen und in der Fürbitte für Anliegen der jeweils anderen vereint. Wird liturgische Gastfreundschaft praktiziert, laden Christinnen und Christen offen zur Teilnahme eines Gottesdienstes ihrer Konfession ein und bieten Gelegenheiten, ihre liturgischen Schätze und Gebetsweisen kennenzulernen. Eine besondere Form der liturgischen Gastfreundschaft ist die eucharistische Gastfreundschaft, in der zur Teilnahme am Abendmahl geladen wird. Einige Kirchen stehen in einer Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft: So sieht die Leuenberger Konkordie, zu der sich 1973 lutherische und reformierte Kirchen in Europa zusammenschlossen, im gemeinsamen Verständnis des Evangeliums eine solche gemeinsame Basis gegeben, dass trotz der verbleibenden theologischen Unterschiede (Christologie, Realpräsenz, Prädestination) eine Kirchengemeinschaft mit einhergehender Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft erreicht wurde. In ökumenisch gemeinsam verantworteten Gottesdiensten kann entweder der „kleinste gemeinsame Nenner“ gesucht werden oder es können  durch eine Art „Additionsprinzip“ Elemente verschiedener Traditionen kombiniert und zu einer reichhaltigen Liturgie zusammengefügt werden. Ein Beispiel für letzteres ist die Lima-Liturgie, eine eucharistische Liturgie, die der von der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung erarbeiteten Konvergenzerklärung zu „Taufe, Eucharistie und Amt“ (1982) einen liturgischen Ausdruck verleiht. Die Lima-Liturgie nimmt Elemente verschiedener Traditionen auf und sucht so alle zu repräsentieren. Eine gemeinsame Eucharistiefeier bleibt dennoch v.a. aufgrund des divergierenden Amtsverständnisses für einige undenkbar. Immer wieder werden Schwierigkeiten bei gemeinsamen Feiern deutlich: So verpflichten sich die Unterzeichnenden der Charta Oecumenica im fünften Abschnitt „Miteinander Beten“ dazu, „füreinander und für die christliche Einheit zu beten“, „die Gottesdienste und weiteren Formen des geistlichen Lebens anderer Kirchen kennen- und schätzen zu lernen“ sowie „dem Ziel der eucharistischen Gastfreundschaft entgegenzugehen.“ Ein Konsens, sich zum gemeinsamen Gebet zu verpflichten konnte hingegen nicht erreicht werden. Vielerorts wird die gemeinsame Feier von Stundengebeten als eine ökumenische Chance wahrgenommen. Potential für die Ökumene bietet auch die Erkenntnis, dass jeder Gottesdienst, der im Namen des dreieinen Gottes gefeiert wird, per se schon ökumenisch ist, da er in dem gründet, der über alle Zeiten und Orte hinweg Schöpfer, Erlöser und Vollender der ganzen bewohnten Erde ist.

 

Hanne Lamparter

 

 


Literatur

Best, Thomas F./Heller, Dagmar, Worship Today. Understanding, Practice, Ecumenical Implications, Genf 2004.
Kornemann, Helmut, Ökumenischer Gottesdienst, in: Schmidt-Lauber, Hans-Christoph/Meyer-Blanck, Michael/u.a., Handbuch der Liturgik. Liturgiewissenschaft in Theologie und Praxis der Kirche, Göttingen 2003, 910–922.
Lamparter, Hanne, Gebet und Gottesdienst. Praxis und Diskurs in der Geschichte des Ökumenischen Rates der Kirchen, Leipzig 2019.
Wainwright, Geoffrey/ Westerfield Tucker, Karen B, The Oxford History of Christian Worship, Oxford 2006.

 

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