Ethik

Einleitung

Ethik als eigene philosophische Disziplin gibt es seit Aristoteles (384 – 322 v. Chr.). Darunter wird die Reflexion auf das richtige und gute Handeln der Menschen und die handlungsleitenden Werte, Regeln und Normen verstanden. Ethik ist zu unterscheiden vom „Ethos“ einer Gemeinschaft, ihrer Sitten und Tugenden. In der lateinisch geprägten katholischen Tradition wird von Moral und Moralphilosophie gesprochen. Der Begriff der „Moraltheologie“ ist üblich in Katholisch-theologischen Fakultäten, während Evangelisch-theologische Fakultäten Lehrstühle für „Theologische Ethik“ haben. Dabei handelt es sich um mehr als nur eine unterschiedliche Begrifflichkeit, sondern um Differenzen in Herangehensweise, Perspektiven und Werten, die tief in der jeweiligen kirchlichen Tradition verankert sind. Die ökumenische Bewegung hat im Lauf der Jahrzehnte die verschiedenen ethischen Ansätze christlicher Traditionen ins Gespräch miteinander gebracht und neue Impulse für ihre Weiterentwicklung gegeben.


Ethische Herausforderungen im ökumenischen Dialog

Die Anfänge der ökumenischen Bewegung lassen sich als Reaktion auf Herausforderungen der modernen Welt für Glauben und Mission verstehen. Begeisterung für Weltmission führte in die Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus und der Konkurrenz der Kolonialmächte. Diakonie und Mission in der Arbeitswelt konfrontierten Christinnen und Christen mit der sozialen Frage des 19. Jahrhunderts. Wissenschaft und Technik erschütterten festgefügte Weltbilder. Auf wachsende Kriegsgefahr antworteten die Anfänge einer ökumenisch ausgerichteten Friedensbewegung. Bemerkenswert war auch die parallele Entwicklung der katholischen Soziallehre mit der 1891 durch Papst Leo XIII. promulgierten Enzyklika Rerum Novarum. Allerdings hielt die katholische Kirche deutliche Distanz zur ökumenischen Bewegung bis zum 2. Vatikanischen Konzil (1962 – 1965).

Die erste Weltmissionskonferenz 1910 in Edinburgh war der Ausgangspunkt nicht nur für die Gründung des Internationalen Missionsrats, sondern auch der Bewegungen für Glauben und Kirchenverfassung und für praktisches Christentum. Diese neue Dynamik wurde durch den ersten Weltkrieg unterbrochen. Doch bald nach dem Krieg begannen die Vorbereitungen für die erste Weltkonferenz für praktisches Christentum 1925 in Stockholm. Sieben Jahre nach dem ersten Weltkrieg waren sich alle einig, dass Kirchen sich für Frieden und eine internationale politische Ordnung einsetzen müssen. Wie sich aber Eschatologie zur Ethik und das Reich Gottes zur Gesellschaft verhalten, wurde vor allem von Lutheranern (Zwei-Reiche-Lehre), Reformierten (Königsherrschaft Christi) und Vertretern des „Social Gospel“ aus den USA (das Evangelium Jesu als Leitbild einer Transformation der Gesellschaft) kontrovers diskutiert.

Das Verhältnis von Kirche, Gesellschaft und Staat wurde in den kommenden Jahren im Kontext der Wirtschaftskrise und dem Aufstieg von Faschismus und Stalinismus analysiert. Das zeigten die Vorbereitungen für die zweite Weltkonferenz der Bewegung für praktisches Christentum zu „Kirche, Gemeinschaft und Staat“ 1937 in Oxford. Ihre Ergebnisse inspirierten das Leitbild der verantwortlichen Gesellschaft und die Methode der „mittleren Axiome“, mit denen der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) arbeitete. Mittlere Axiome waren Ausdruck der missionarischen Präsenz der Kirche in der Gesellschaft. Es ging darum, Werte des kommenden Gottesreiches auch im säkularen Kontext verständlich und nachvollziehbar zu vermitteln und den Menschen zu helfen, in ihren eigenen Arbeitsfeldern gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.

Angesichts des Kalten Krieges, des schnellen gesellschaftlichen Wandels beim Aufbau unabhängiger Staaten im Dekolonialisierungsprozess und des Einflusses von Wissenschaft und Technik, deren Kehrseite 1945 in der Explosion der Atombomben von Hiroshima und Nagasaki sichtbar wurden, folgte der ÖRK den Grundlinien seines Ansatzes. Im Gegenüber zu Kapitalismus und Kommunismus setzte die Gemeinschaft der Kirchen im ÖRK auf die Forderung nach demokratischer Teilhabe in politischen Entscheidungsprozessen und einer am Wohl aller orientierten Wirtschaftsordnung.

Mit der Integration des Internationalen Missionsrates in den ÖRK 1961 gewannen die Stimmen der Christinnen und Christen aus dem globalen Süden an Gewicht. Seit der Weltkonferenz für Kirche und Gesellschaft 1966 in Genf und der Vollversammlung des ÖRK 1968 in Uppsala entwickelten sich von der südamerikanischen Befreiungstheologie motivierte Ansätze. Mehr und mehr wurde auf die Stimmen der Armen an den Rändern der Gesellschaft gehört. Dabei wuchs die Sensibilität für fortbestehende neo-koloniale und rassistische Beziehungen. 1969 beschloss der ÖRK das Programm zur Bekämpfung des Rassismus, das die Freiheitsbewegungen im südlichen Afrika unterstützte, später aber auch die Situation indigener Völker aufgriff. 

Das Leitbild der verantwortlichen Gesellschaft wurde in seiner Ausrichtung auf die Situation moderner säkularisierter Gesellschaften als kontextuell bedingt erkannt, überzeugte aber noch einmal 1979 mit einer Konferenz zu Glaube, Wissenschaft und Zukunft. Entwicklungspolitik, die Dynamik internationaler Finanz- und Wirtschaftsbeziehungen, Kriege wie der Vietnamkrieg und Diktaturen der nationalen Sicherheit forderten die Kirchen und ihre Solidarität untereinander heraus. Neu auf der Tagesordnung erschien die ökologische Krise, immer deutlicher auch Frauenrechte und Gender-Fragen. Der ÖRK antwortete zunächst mit dem neuen Leitbild einer gerechten, partizipatorischen und nachhaltigen Gesellschaft (1974/1975). Die Vollversammlung von Vancouver gab 1983 den Anstoß zum Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Schöpfungsbewahrung, aus dem das Programm zur Theologie des Lebens (1994-1998), die Dekade der Solidarität der Kirchen mit den Frauen (1988-1998), die Dekade zur Überwindung der Gewalt (2001-2011) und seit der Vollversammlung 2013 in Busan der Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens hervorgingen.

Sie alle brachten verschiedene kontextuelle Theologien und christliche Traditionen gemeinsam in die Auseinandersetzung mit den Folgen der Globalisierung und den wichtigsten Zukunftsfragen. Dabei gab es deutliche Fortschritte in der Analyse der Herausforderungen und der Arbeit an den Trinitäts-theologischen Grundlagen des Engagements für Frieden und Gerechtigkeit für Menschen und alle Geschöpfe. Fruchtbar war z.B. die Diskussion zum gerechten Frieden. Es wurden aber auch tiefgreifende Differenzen in der Einschätzung des Weges zu mehr Gerechtigkeit deutlich. Paradigmatisch waren Auseinandersetzungen um die theologische Kritik des Neoliberalismus durch den AGAPE Prozess (Alternative Globalization Addressing People and Earth) des ÖRK, der im Jahr 2000 begann, und das Accra-Bekenntnis des Reformierten Weltbundes (2003). In all diesen Initiativen wurde inter-religiöse Kooperation immer wichtiger.


Wachsende Übereinstimmung und neue Konflikte

Mit den Orthodoxen Kirchen, von denen ein großer Teil erst 1961 bei der Vollversammlung in Neu-Delhi Mitglieder des ÖRK wurden, verstärkte sich die Bewegung von einer Christo-zentrischen zu einer trinitarischen Ausrichtung des ÖRK. Mit dem 2. Vatikanischen Konzil öffnete sich die Römisch-katholische Kirche der ökumenischen Diskussion (Gaudium et Spes, Pacem in Terris, Unitatis Redintegratio). Zu nennen ist die Enzyklika Populorum Progressio von 1968. Zusammenarbeit war möglich in der entwicklungspolitischen und friedensethischen Diskussion, dem Einsatz für die Menschenrechte und vor allem in der Arbeit zum Klimawandel. 1989 initiierte der Ökumenische Patriarch den 1. September als Schöpfungstag, ein Aufruf, der von den Mitgliedskirchen des ÖRK und schließlich von Papst Franziskus in seiner Enzyklika Laudato Si mitgetragen wurde. Mit dem Pontifikat von Papst Franziskus wurde eine große Nähe zwischen seinen Sendschreiben (Evangelii Gaudium) und Enzykliken und den von den Mitgliedskirchen des ÖRK vertretenen Positionen sichtbar. Ähnliches gilt für das jüngst vom Ökumenischen Patriarchat veröffentlichte Dokument For the Life of the World. Toward a Social Ethos of the Orthodox Church.

Mit der Veröffentlichung der Enzyklika Humanae Vitae 1968 durch Papst Paul VI. wurden andererseits tiefgreifende Differenzen in Sexual- und Bioethik sichtbar. Umstritten waren u.a. Stellungnahmen zu Abtreibung und Euthanasie oder der sexuellen Orientierung. Der Wertekonflikt entwickelte sich zu einem globalen „Kulturkampf“, der Kirchen und Kirchenbünde zu spalten drohte. 1996 stellte sich die Gemeinsamen Arbeitsgruppe von ÖRK und Römisch-katholischer Kirche dieser Situation mit einer Studie zum ökumenischen Dialog über ethische Fragen als Gelegenheit zum gemeinsamen Zeugnis oder Ursache von Spaltungen.

Grundlagen der Ethik und vor allem potenziell kirchentrennende ethische Fragen wurden vor diesem Hintergrund auch mehr und mehr zum Gegenstand bilateraler Dialoge von Kirchen und Kirchengemeinschaften. Auf einige spezifische Fragestellungen der Debatte über ethische Fragen in Deutschland geht die 2017 veröffentlichte Studie „Gott und die Würde des Menschen“ einer bilateralen katholisch-lutherischen Arbeitsgruppe in Deutschland ein.


Ethische Urteilsbildung der Kirchen

Ein neues Kapitel wurde aufgeschlagen mit dem Studienprojekt der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung des ÖRK zur moralisch-ethischen Urteilsbildung der Kirchen. Die Ergebnisse wurden 2021 in drei Berichtsbänden vorgestellt. Band 1 bietet Darstellungen von Prozessen ethischer Urteilsbildung in verschiedenen christlichen Traditionen. Beschrieben werden die Quellen, die benutzt werden, ihre jeweilige Autorität und wie sie sich aufeinander beziehen, und die Rollen der am Prozess Beteiligten. Band 2 enthält Analysen konkreter Beispiele, in denen Kirchen ihre Lehre korrigiert oder weiterentwickelt haben (z.B. der Sklaverei oder dem aktiven Friedenszeugnis). Die beiden Bände kombinieren in einer meta-ethischen Perspektive eine komparative Methode mit einer analytischen Methode zur Identifikation von Ursachen, die jeweils zu einer Anpassung der Lehre geführt haben. Band 3 präsentiert die Ergebnisse der Studie.

 

Martin Robra

 


Literatur

Bilaterale Arbeitsgruppe der Deutschen Bischofskonferenz und der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (Hg.): Gott und die Würde des Menschen, Paderborn/Leipzig 2017.

Bonino, José Míguez: Ethics, in: Nicholas Lossky u.a. (Hg.), Dictionary of the Ecumenical Movement, Geneva 2002, 406-412.

Michael Root, Ethics in ecumenical dialogues: a survey and analysis, zunächst in Journal of Ecumenical Studies 45, Philadelphia: University of Pennsylvania Press, 2010, 357-375; dann überarbeitet im Juni 2015, zugänglich auf https://www.academia.edu/30632527/Ethics_in_Ecumenical_Dialogues_A_Survey_and_Analysis_June_2015_.

Schöpsdau, Walter: Wie der Glaube zum Tun kommt. Wege ethischer Argumentation im evangelisch-katholischen Dialog und in der Zusammenarbeit der Kirchen (Bensheimer Hefte 102), Göttingen 2004.

Wijlens, Myriam / Shmaliy, Vladimir (Hg.): Churches and Moral Discernment, Volume 1: Learning from Traditions (Faith and Order Paper 228), Geneva 2021.

Wijlens, Myriam / Shmaliy, Vladimir / Sinn, Simone (Hg.): Churches and Moral Discernment, Volume 2: Learning from History (Faith and Order Paper 229), Geneva 2021.
Faith and Order Commission,

Churches and Moral Discernment, Volume 3, Facilitating Dialogue to Build Koinonia (Faith and Order Paper 235), Geneva 2021.

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