Pfingstbewegung

Situation: unterschiedliche regionale Verbreitung

Die Pfingstbewegung bildet (zusammen mit den seit den 1960er Jahren entstandenen unterschiedlichen innerkirchlichen charismatischen Bewegungen) den am schnellsten wachsenden Zweig der Weltchristenheit, wobei sich dieses Wachstum regional sehr unterschiedlich darstellt: Gegenwärtig stellen Lateinamerika, Afrika und bestimmte Regionen Asiens (wie Südkorea) ihre Zentren dar. Im deutschsprachigen Raum ist die Pfingstbewegung immer klein geblieben. Verantwortlich dafür ist ein ganzes Bündel von theologischen, soziologischen und politischen Ursachen: Die Orientierung des Pentekostalismus auf den Heiligen Geist unterscheidet sich signifikant von der christologischen Prägung des Mainstreams der abendländischen Kirchen- und Theologiegeschichte. Durch die Berliner Erklärung von 1909, in der sich die deutsche Gemeinschaftsbewegung von der jungen Pfingstbewegung trennte, verschloss sich dieser in Deutschland das natürliche Mitgliederreservoir. Die pfingstliche Erfahrungsorientierung stand seit dem Ende des Ersten Weltkriegs in einem markanten Gegensatz zur dialektischen Theologie Karl Barths, die bis Ende der 1960er Jahre die deutsche Theologie prägte. Dadurch dass nach dem Ende des Dritten Reichs vor allem in der Bundesrepublik die staatliche Privilegierung der Großkirchen noch einmal verstärkt wurde, hatten es alle anderen christlichen Bewegungen schwer, sich durchzusetzen. In der DDR wurden die eigenständigen pfingstkirchlichen Bewegungen 1951 verboten (nicht jedoch die Elim-Gemeinden unter dem Dach des BEFG, die nach der Wiedervereinigung Deutschlands Mitglied im BFP wurden). Während praktisch sämtliche christlichen Gruppierungen in Deutschland von der zunehmenden Säkularisierung und damit einer abnehmenden Mitgliederzahl betroffen sind, bilden vor allem pfingstliche Großstadt- und Migrationsgemeinden eine Ausnahme. Dazu gehören auch die russlanddeutschen Pfingstler, die sich häufig in selbstständigen Gemeinden zusammengeschlossen haben.


Geschichte

Die traditionellen Pfingstkirchen sind aus dem Aufbruch der modernen Pfingstbewegung 1906 in Los Angeles hervorgegangen. Auch wenn es Vorläufer und parallel ähnliche Aufbrüche gab, bildete der farbige Prediger W. J. Seymour (1870–1922) in der Azusa-Street-Mission von Los Angeles den Auslöser der Erweckung. Trotz der afro-amerikanischen Prägung waren von Anfang an auch Weiße beteiligt. Die Pfingsterweckung von Los Angeles hielt mehrere Jahre an. Sie wurde von Predigern aus allen Teilen der Vereinigten Staaten und darüber hinaus aus der ganzen Welt besucht. Viele von ihnen wurden in ihren Heimatländern zu Inspiratoren pfingstlich geprägter Gruppen. Heute bilden die Pfingstkirchen die vierte Denomination neben Orthodoxie, Katholizismus und den reformatorischen Kirchen. Die „Assemblies of God“, 1914 in Hot Springs/Arkansas entstanden, ist die älteste und bis heute größte Pfingstkirche. Der BFP gehört zur WAGF (World Assemblies of God Fellowship).

Die Charakteristika der Pfingstbewegung liegen vor allem im Bereich der Spiritualität: Man erwartet eine persönliche Erfahrung mit dem Heiligen Geist, betont die neutestamentlichen Charismen und pflegt Anbetung und Lobpreis als wesentliche Bestandteile des Gottesdienstes. Damit einher gehen gemeinsame theologische Überzeugungen: die Entdeckung eines besonderen Wirkens des Heiligen Geistes neben Jesus Christus, die Kritik an einem geschlossenen rationalistischen Wirklichkeitsverständnis und das Selbstverständnis, Teil eines geistlichen Aufbruchs zu sein, der weltweit und ökumenisch ist und dem eine heilsgeschichtliche Bedeutung zugesprochen wird. Während sich die frühe Pfingstbewegung von der traditionellen Schultheologie distanzierte, hat sich inzwischen vor allem in Nordamerika und Europa eine eigenständige pfingstliche Theologie entwickelt.


Pneumatische Orientierung

Das theologisch Neue der Pfingstbewegung gegenüber den traditionellen westlichen Kirchen zeigt sich in der pneumatischen Orientierung ihrer Theologie und Spiritualität. Zum einen konkretisiert sich diese Orientierung im Wunsch nach einem bewussten und persönlichen Glaubensbezug zum Geist Gottes. Traditionelle Pfingstler sprechen meist von „Geistestaufe“ als einem punktuellen und damit datierbaren Ereignis, das als zweites fundamentales Glaubenserlebnis von Bekehrung und Wiedergeburt unterscheidbar ist und als Kraftausrüstung zum vollmächtigen Dienst verstanden wird. Begleitet vom „initial sign“ der Glossolalie ist die „Geistestaufe“ von außen wahrnehmbar und kann prinzipiell von jedem Christen erfahren werden, vorausgesetzt, er oder sie ist offen dafür. Während die Wassertaufe als Zeichen des Heils verstanden wird und unüberbietbar ist, hat die Geistestaufe eine abgeleitete Bedeutung und eine Sonderstellung für den Glaubensvollzug. Die Geistestaufe führt zu einer neuen Sicht des Heiligen Geistes. Dass der Geist bei der Geistestaufe einmal seine Anonymität verlassen hat, aus seiner Verborgenheit hinter Christus hervorgetreten ist, lässt den Geistgetauften auf weitere bewusste Geisterfahrungen hoffen. 

Zum anderen hängt die Konzentration auf den Geist mit einer bestimmten eschatologischen Sicht der Gegenwart zusammen. Der Pentekostalismus ist der Überzeugung, dass an Pfingsten das Zeitalter des Heiligen Geistes begonnen hat. Obwohl das Versöhnungswerk Jesu Christi grundlegend bleibt, steht seitdem der Heilige Geist als derjenige im Vordergrund, der Christi Werk fortführt. Das gilt verstärkt seit dem Beginn der Pfingstbewegung am Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Damals ist der Heilige Geist vor der unmittelbar bevorstehenden Wiederkunft Jesu Christi in überwältigender Weise auf die Gläubigen ausgegossen worden. Nach Meinung des Pentekostalismus ist der Heilige Geist im Hinblick auf seine Wirkung am Menschen bis dahin zu wenig wahrgenommen worden. 


Liturgischer Gottesdienst und Gottesdienst im Alltag der Welt

Die Pfingstbewegung hat die Charismen, einschließlich der spektakulären Gnadengaben wie Zungenrede, Heilung und Prophetie, wiederentdeckt. Mit den transrationalen Geistphänomenen holte sie in Vergessenheit geratene biblische Erfahrungsbereiche in Theologie und Spiritualität zurück. Mit der Erwartung des „Übernatürlichen in der Gegenwart“ stand sie im Gegensatz sowohl zum vom Glauben an das „Übernatürliche in der Vergangenheit“ geprägten christlichen amerikanischen Fundamentalismus als auch zur stark intellektuell bzw. ethisch geprägten volkskirchlichen Religiosität in Europa. Angehörige der Pfingstbewegung verstehen den Geist nach dem Pfingstbericht in Apg 2 – dem Basistext der Bewegung – als „Kraft aus der Höhe“. Die Charismen werden als Ausweis der Geisterfülltheit von ihrer Bedeutung für die Steigerung der Frömmigkeit des Einzelnen her interpretiert. Die nicht-spektakulären Charismen treten zurück, ebenso ihre gesellschaftliche Dimension. 

Der Gottesdienst stellt auch in der Außenwahrnehmung ein wesentliches Kennzeichen der Pfingstbewegung dar: Als typisches Bild in den Medien werden Menschen mit zur Anbetung erhobenen Händen gezeigt. Dabei ist Gelegenheit, Charismen – wie etwa die Glossolalie (auch in Form des Gesangs in Zungen), Prophetie und das Gebet um Heilung – zu praktizieren.

Pfingstkirchen sind meist politisch konservativ ausgerichtet. Die politische Agenda orientiert sich am Nutzen für die eigene Kirche, d.h. nach pfingstlichem Verständnis für die Ausbreitung des christlichen Glaubens. Die Ursache dafür liegt in einer auf die Innerlichkeit ausgerichteten Heiligungsethik, die sich der Herkunft der Pfingstbewegung aus den Heiligungskirchen Nordamerikas verdankt. Der Einsatz für die Gesellschaft erfolgt in Form von mannigfaltigen diakonischen Initiativen und auf spirituellem Wege. Für die gesamte Pfingstbewegung ist die Überzeugung prägend, dass vollmächtiges Gebet gegenüber der Realität des Bösen in der Welt wirksam ist. Vor allem in den Pfingstkirchen der südlichen Hemisphäre und im Neo-Pentekostalismus spielt das Konzept der „geistlichen Kampfführung“, auch als „geistliche Kriegführung“ oder „geistlicher Krieg“ bezeichnet, eine wichtige Rolle. Um ein Land bzw. eine Region erfolgreich evangelisieren zu können, ist es nach diesem Konzept nötig, die Macht der als Territorialgeister oder -mächte bezeichneten Dämonen zu brechen. Hintergrund ist eine Dämonologie mit kosmischen Dimensionen, die besagt, dass es neben Dämonen, die den einzelnen Menschen beeinflussen, Territorialdämonen gibt, die über ganze Länder, Nationen, Städte, kulturell verwandte Gruppen, Stämme und soziale Schichten Macht haben. Satan, der nicht wie Gott allgegenwärtig ist, delegiert seine Macht an eine Hierarchie dämonischer Mächte, die seine Absichten und Ziele ausführen. Im Hinblick auf den Erfolg der Evangelisation sind nicht so sehr die heutigen Probleme entscheidend: Erst wenn die auf die heidnische Zeit zurückgehende territoriale Macht durch sog. „Spiritual Mapping“ identifiziert worden ist, kann sie durch geistliche Kampfführung besiegt und die Gegend mit Erfolg evangelisiert werden. 


Ekklesiologie und Ökumene

Pfingstliches Christentum lässt, besonders in seiner Frühzeit, häufig eine Geringschätzung der institutionellen Verfasstheit der traditionellen Kirchen erkennen. Eine wichtige Ursache dafür ist, dass der Ort der religiösen Vergewisserung – wie in der neuen Religiosität – das Individuum, das die religiösen Erfahrungen macht, und nicht die Institution der Kirche oder Gemeinde ist. Allerdings unterscheidet sich der Pentekostalismus von der neuen Religiosität dadurch, dass er gleichzeitig klare theologische Wahrheitsansprüche vertritt.

Die beiden ökumenischen Pioniere der Pfingstbewegung waren Donald Gee und David du Plessis, die nach dem Zweiten Weltkrieg sukzessive die jahrzehntelange Isolierung der Pfingstler aufbrachen. Ein wichtiger Meilenstein war zudem der Beitritt zweier chilenischer Pfingstkirchen zum Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) bei dessen Vollversammlung in Neu-Delhi 1961, was allerdings nichts daran änderte, dass die ökumenische Öffnung in der Pfingstbewegung umstritten blieb. Trotzdem kam es in der Folgezeit verstärkt zu Begegnungen zwischen dem ÖRK und Vertretern verschiedener Pfingstkirchen, wobei der Dialog, den Vertreter der Pfingstbewegung seit 1972 mit Vertretern der Römisch-katholischen Kirche über inzwischen sechs Gesprächsphasen geführt haben, hervorzuheben ist. Dass er zustande kam, war bei den gegenseitigen Vorbehalten und Vorwürfen alles andere als selbstverständlich.

Peter Zimmerling


Literatur

Burgess, Stanley M. / van der Maas, Eduard M. (Hg.): The New International Dictionary of Pentecostal and Charismatic Movements, Grand Rapids/Michigan 2002.

Haustein, Jörg / Maltese, Giovanni (Hg.): Handbuch pfingstliche und charismatische Theologie, Göttingen 2014.

Hollenweger, Walter J.: Enthusiastisches Christentum. Die Pfingstbewegung in Geschichte und Gegenwart, Wuppertal/Zürich 1969.

Kern, Thomas: Zeichen und Wunder. Enthusiastische Glaubensformen in der modernen Gesellschaft, Frankfurt a.M. u.a. 1997.

Zimmerling, Peter: Charismatische Bewegungen, UTB 3199, Göttingen 22018.

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