Orthodoxe Kirche

Situation in der Gegenwart

Orthodoxe Christen bilden heute die zahlenmäßig drittgrößte Gruppierung innerhalb der christlichen Kirchen. Ihre Mutterkirchen liegen in den von der Orthodoxie geprägten Ländern Ost- und Südosteuropas. Die ersten orthodoxen Kirchengemeinden im deutschen Raum wurden im 18. Jahrhundert gegründet. Im 19. Jahrhundert entstanden erste orthodoxe Kirchbauten in deutschen Kurorten, die bei russischen Adligen beliebt waren. Eine erste größere Gruppe orthodoxer Migranten kam nach der Oktoberrevolution in Russland 1917 nach Deutschland. In großen Zahlen folgten orthodoxe Christen dann in Zusammenhang mit der Anwerbung von Gastarbeitern in den 1960er-Jahren, darunter vor allem Griechen und Serben. Eine dritte Migrationswelle ist in den 1990er-Jahren nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime in Osteuropa zu verzeichnen. Schließlich kamen nach 2011 orthodoxe Christen aus Syrien und dem Nahen Osten nach Deutschland, die vor den dortigen kriegerischen Auseinandersetzungen flohen. Die orthodoxen Mutterkirchen haben auf die wachsende Zahl von Gläubigen in Deutschland  zunächst durch die Entsendung einzelner Seelsorger, später auch durch die Errichtung eigener Diözesen reagiert.
Weltweit gibt es ca. 250 Millionen orthodoxe Christen. Obwohl es mehrere „autokephale“ (selbständige) orthodoxe Kirchen gibt, verstehen sie sich als eine Kirche, verbunden durch dieselbe Glaubenslehre (der sieben Ökumenischen Konzile  des ersten Jahrtausends), dasselbe Kirchenrecht  (die Kanones der Alten Kirche) und dieselbe liturgische (byzantinische) Tradition.

In Deutschland gibt es etwa zwei Millionen orthodoxe Christen und acht orthodoxe Diözesen:
•    Griechisch-Orthodoxe Metropolie von Deutschland;
•    Antiochenisch-Orthodoxe Metropolie von Deutschland und Mitteleuropa;
•    Berliner Diözese der Russischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats;
•    Russische Orthodoxe Kirche im Ausland  – Deutsche Diözese;
•    Serbische Orthodoxe Diözese von Düsseldorf und ganz Deutschland;
•    Rumänische Orthodoxe Metropolie für Deutschland, Zentral- und Nordeuropa;
•    Bulgarische Diözese von West- und Mitteleuropa;
•    Diözese für Deutschland und Österreich der Georgischen Orthodoxen Kirche.
Die orthodoxen Bischöfe in Deutschland haben sich 2010 zur „Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland“ (OBKD) zusammengeschlossen, um enger zu kooperieren und die Einheit der Orthodoxen Kirche auch nach außen sichtbar zu machen.


Geschichte

Die Orthodoxe Kirche geht zurück auf die vier Patriarchate, die in der östlichen Hälfte des Römischen Reiches lagen: Konstantinopel, Alexandrien, Antiochien und Jerusalem. Sie versteht sich als authentische Bewahrerin der Tradition der Alten Kirche, wie sie in der Heiligen Schrift, den altkirchlichen Glaubensbekenntnissen, den Beschlüssen der Konzile des ersten Jahrtausends und der Lehre der Kirchenväter  festgehalten ist. Eine besondere Rolle spielen die Entscheidungen der sieben Ökumenischen Konzile (Nizäa 325, Konstantinopel 381, Ephesus 431, Chalcedon 451, Konstantinopel 553, Konstantinopel 680/81, Nizäa 787), auf denen die wesentlichen Inhalte der christlichen Glaubenslehre definiert wurden. Obwohl es auch im ersten Jahrtausend schon Perioden gab, in denen die Kirchen in Ost und West getrennt waren (z.B. das „Akakianische Schisma“ an der Wende vom 5. zum 6. Jahrhundert oder das „Photianische Schisma“ in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts), ging man in dieser Zeit von einer grundlegenden Einheit der Kirche  in Ost und West aus. Als Datum des Schismas (der Trennung) zwischen der Orthodoxen Kirche und der abendländischen Kirche wird oft das Jahr 1054 angegeben, als der Patriarch von Konstantinopel und ein Legat des Papstes nach erfolglosen Gesprächen über verschiedene Streitfragen sich gegenseitig mit dem Kirchenbann belegten. Dieses Ereignis hat jedoch eher symbolische Bedeutung und wurde von beiden Seiten im Dezember 1965 ausdrücklich missbilligt und „aus dem Gedächtnis der Kirche getilgt“. Weitaus nachhaltigere Auswirkungen hatte die Plünderung Konstantinopels durch lateinische Kreuzfahrer  im Jahr 1204 und die nachfolgende Einsetzung eines lateinischen Patriarchen in Konstantinopel, die von byzantinischer Seite als endgültige Aufkündigung der Kirchengemeinschaft verstanden wurde. In den folgenden Jahrhunderten belasteten verschiedene Versuche, orthodoxe Christen zur Union  mit der Kirche von Rom zu bewegen (was zur Entstehung der unierten katholischen Ostkirchen führte), das Verhältnis zwischen Ost und West weiter. Erst im 20. Jahrhundert kam es zu einer Wiederannäherung der Kirchen, zunächst – im Rahmen der entstehenden Ökumenischen Bewegung  – zwischen orthodoxen, altkatholischen, anglikanischen und reformatorischen Kirchen, ab den 1960er-Jahren dann auch zwischen Orthodoxen und Katholiken.


Glaubensinhalte

Die Orthodoxe Kirche betrachtet die Heilige Schrift als maßgebliches Zeugnis der Offenbarung, legt bei ihrer Interpretation aber besonderen Wert auf deren Auslegung in der konziliaren Tradition sowie in den Werken der Kirchenväter. Im Blick auf das Gottesverständnis bekennt sich die Orthodoxe Kirche zum dreieinen Gott, wie es in den Beschlüssen der ökumenischen Konzile  festgehalten ist. In der Christologie unterstreicht die Orthodoxe Kirche gemeinsam mit den Kirchen des christlichen Abendlandes die wahre Gottheit und wahre Menschheit Jesu Christi gemäß den Beschlüssen des Konzils von Chalcedon
Einen besonderen Akzent legt die orthodoxe Theologie auf die Pneumatologie (Lehre vom Heiligen Geist). In diesem Zusammenhang kritisiert sie die Einfügung des „Filioque“ in das Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel in den westlichen Kirchen. Dabei handelt es sich um eine Einfügung in den ursprünglichen Text („der Heilige Geist, der aus dem Vater hervorgeht“). In Auseinandersetzung mit den Arianern wurde diese Aussage auf westlichen Synoden – und später (im 11. Jahrhundert) auch durch den Papst – erweitert zu „der aus dem Vater und dem Sohn (latein. filioque) hervorgeht“. Aus orthodoxer Sicht ist diese Einfügung weder theologisch sachgemäß noch rechtlich legitim, da sie ohne Beratung auf einem ökumenischen Konzil eingefügt wurde. 
Im Bereich der Ekklesiologie unterstreicht die Orthodoxe Kirche die Bedeutung der Eucharistie sowie des Bischofs als Vorsteher der Eucharistie und hält am dreifachen Amt (Bischof, Priester, Diakon) fest. Sie vertritt eine Ekklesiologie der Ortskirchen und lehnt eine übergeordnete universalkirchliche Instanz (wie das Papstamt) ab. Ein zentrales Strukturelement sind die Patriarchate bzw. die autokephalen (selbstständigen) Kirchen als regionale Zusammenschlüsse der Ortskirchen. Die Einheit der Orthodoxen Kirche wird durch die Erwähnung der anderen orthodoxen Patriarchen bzw. Ersthierarchen in den „Diptychen“ (einem besonderen Gebet in der Liturgie des Ersthierarchen) manifestiert und sichergestellt. Allerdings ist die Anerkennung einzelner Ortskirchen als autokephal (z.B. in der Ukraine oder in Amerika) innerorthodox umstritten.


Glaubens- und Gemeindeleben

Eine identitätsstiftende Rolle für die Orthodoxe Kirche spielt die Liturgie. Im Laufe der Jahrhunderte gewann dabei die Form, wie sie in der östlichen Reichshauptstadt Konstantinopel gefeiert wurde, immer stärkeren Einfluss, so dass alle orthodoxen Kirchen heute in dieser liturgischen Tradition stehen, wenn auch mit geringfügigen Abweichungen und jeweils in ihrer Sprache. Von zentraler Bedeutung ist die Feier der Eucharistie, die als „Göttliche Liturgie“ bezeichnet wird, weil sie als Abglanz der himmlischen Liturgie betrachtet wird, bei der Engel und Heilige Gott lobpreisen. Diese himmlische Liturgie wird gegenwärtig durch die Ikonen, die nicht nur als bildliche Darstellung der Heiligen verstanden werden, sondern als Abbilder, deren Verehrung durch die Gläubigen auf das göttliche Urbild übergeht. Neben der Göttlichen Liturgie werden in orthodoxen Kirchen auch die Tagzeitengottesdienste (z.B. Morgen- und Abendgebet) gefeiert. 

In der persönlichen Spiritualität spielt neben der Verehrung der Ikonen das Herzensgebet eine wichtige Rolle, ein kurzes Gebet zu Jesus Christus („Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner“). Ihren Ursprung hat diese Tradition im orthodoxen Mönchtum, das eine wichtige Vorbildfunktion für die Gläubigen hat. Besondere Orte dieser monastischen Tradition sind der „Heilige Berg“ Athos im Nordosten Griechenlands mit seinen jahrhundertealten Klöstern und Einsiedeleien, sowie die zahlreichen Klöster in orthodoxen Ländern, die zugleich Pilgerziele für die Gläubigen sind. Die Klöster waren auch Zentren des diakonischen Handelns der Kirche und kümmerten sich um Arme, Kranke und gesellschaftliche Randgruppen. In einigen orthodoxen Kirchen entstanden darüber hinaus sogenannte Bruder- bzw. Schwesternschaften, in denen sich Laien um bedürftige Mitmenschen kümmerten.

Das Verhältnis von Staat und Kirche in der Orthodoxie hat wechselvolle Epochen durchlaufen. Im Oströmischen (Byzantinischen) Reich gab es eine enge Verbindung zwischen Staat und Kirche (Symphonie bzw. Synallilie), dasselbe gilt für das russische Zarenreich. Nach der Eroberung Konstantinopels 1453 geriet die Orthodoxe Kirche im Osmanischen Reich immer stärker in eine prekäre Situation, auch wenn der Patriarch als oberster Repräsentant der Orthodoxen gewisse Privilegien genoss. In Russland zerbrach die enge Verbindung von Kirche und Staat nach der Oktoberrevolution 1917, die eine massive Verfolgung der Kirchen während der Sowjetzeit zur Folge hatte. Seit dem Zusammenbruch des Kommunismus zu Beginn der 1990er-Jahre erleben viele orthodoxe Kirchen eine Renaissance, die auch wieder zu einer engeren Beziehung mit dem Staat geführt hat.
In allen orthodoxen Kirchen gibt es sogenannte „Sonntagsschulen“ für die Katechese der Kinder. In einigen orthodox geprägten Ländern gibt es auch schulischen Religionsunterricht. In Deutschland ermöglichen fünf Bundesländer orthodoxen Religionsunterricht an staatlichen Schulen.


Ethik

Auch wenn Liturgie  und Spiritualität im Mittelpunkt orthodoxen Glaubenslebens stehen, vernachlässigen orthodoxe Christen keineswegs die christliche Nächstenliebe. Im 20. Jahrhundert waren es äußere Faktoren (sowohl in den kommunistischen als auch in anderen nichtchristlichen Staaten), die dazu führten, dass die Orthodoxe Kirche über keine caritativen Institutionen verfügte wie in den Jahrhunderten zuvor. Seit dem Zusammenbruch des Kommunismus werden wieder kirchliche Krankenhäuser, Waisenhäuser und Sozialstationen aufgebaut. Orthodoxe Theologen sprechen diesbezüglich von der „Liturgie nach der Liturgie“, in der sich der Gottesdienst im Alltag fortsetzt. 
Einige orthodoxe Kirchen haben auch Dokumente veröffentlicht, in denen ethische Grundsätze dargelegt und Stellung zu konkreten ethischen Fragen genommen wird. Dazu zählen die „Grundlagen der Soziallehre der Russischen Orthodoxen Kirche“ (2000) und „Für das Leben der Welt: Auf dem Weg zu einem Sozialethos der Orthodoxen Kirche“ (2020). Ein Grundmerkmal orthodoxer Ethik ist, dass sie nicht anthropozentrisch (auf den Menschen allein) ausgerichtet ist, sondern den ganzen Kosmos (die Schöpfung, die Umwelt) mit in den Blick nimmt. So wird der Ökumenische Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel aufgrund seines großen Engagements in Umweltfragen auch als „grüner Patriarch“ bezeichnet.


Ökumene

Von Beginn an hat sich die Orthodoxe Kirche in der Ökumenischen Bewegung engagiert. Ein frühes Zeugnis dafür ist das Sendschreiben des Ökumenischen Patriarchats vom Januar 1920 „An die Kirche Christi in der ganzen Welt“. Vertreter des Ökumenischen Patriarchats und der Kirche von Griechenland waren 1948 an der Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) beteiligt. Andere orthodoxe Kirchen, vor allem diejenigen im kommunistischen Machtbereich, konnten dem ÖRK erst 1961 beitreten. Seither spielten orthodoxen Theologen eine wichtige Rolle in den verschiedenen Gremien des ÖRK und haben vor allem die Dokumente der „Kommission für Glauben und Kirchenverfassung“ nachhaltig beeinflusst. Dennoch war das Verhältnis zwischen dem ÖRK und seinen orthodoxen Mitgliedskirchen nicht immer spannungsfrei, weshalb eine Sonderkommission zur orthodoxen Mitarbeit im ÖRK von 1998 bis 2002 Änderungsvorschläge für die Arbeitsweise des ÖRK ausarbeitete. 
Die Orthodoxe Kirche beteiligt sich auch aktiv an bilateralen  theologischen Dialogen. Schon bis ins 19. Jahrhundert reichen die Kontakte mit Anglikanern und Altkatholiken zurück. In den 1960er- und 70er-Jahren nahmen einzelne orthodoxe Kirchen theologische Gespräche mit der EKD auf. Seit den 1980er-Jahren gibt es offizielle Dialogkommissionen auf weltweiter Ebene mit Katholiken, Lutheranern und Reformierten. Anfang der 1990er-Jahre kam es zu einer Verständigung mit Vertretern der Orientalisch-Orthodoxen Kirchen über die christologischen Streitfragen des 5. Jahrhunderts. 
Die von den Kirchenleitungen geförderten ökumenischen Dialoge stießen innerhalb der Orthodoxen Kirche auf Widerspruch seitens konservativer bzw. fundamentalistischer Kreise. Sie haben in den letzten Jahren an Einfluss gewonnen und tragen dazu bei, dass viele orthodoxe Christen der Ökumene reserviert bis ablehnend gegenüberstehen. Bis heute erkennt die Orthodoxe Kirche die anderen christlichen Kirchen und Konfessionen nicht als Kirchen im Sinne ihrer eigenen Ekklesiologie  an. Dieses Ringen um Offenheit für den Dialog auf der einen und Selbstbehauptung als der einzig wahren Kirche Christi auf der anderen Seite fand auch Niederschlag in dem offiziellen Beschluss der Orthodoxen Synode auf Kreta 2016 über die „Beziehungen der Orthodoxen Kirche mit der übrigen christlichen Welt“.

Johannes Oeldemann


Literatur

  • Bartholomaios, Ökumenischer Patriarch: Begegnung mit dem Mysterium. Das Orthodoxe Christentum von heute verstehen, Paderborn 2019.
  • Bremer, Thomas / Gazer, Hacik Rafi / Lange, Christan (Hg.): Die orthodoxen Kirchen der byzantinischen Tradition, Darmstadt 2013.
  • Bremer, Thomas / Kattan, Assaad Elias / Thöle, Reinhard (Hg.): Orthodoxie in Deutschland, Münster 2016.
  • Leb, Ioan Vasile / Nikolakopoulos, Konstantin / Ursa, Ilie (Hg.): Die Orthodoxe Kirche in der Selbstdarstellung. Ein Kompendium, Berlin 2016.
  • Oeldemann, Johannes: Die Kirchen des christlichen Ostens. Orthodoxe, orientalische und mit Rom unierte Kirchen, Regensburg 2016.
     
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