Orientalisch-orthodoxe Kirchen

Kirchenfamilie

Weltweit gibt es rund 50 Millionen orientalisch-orthodoxe Christinnen und Christen. Die Kirchenfamilie der orientalisch-orthodoxen Kirchen besteht aus folgenden Kirchen (in alphabetischer Reihenfolge):

Armenische Apostolische Kirche

Äthiopisch-Orthodoxe Tewahedo-Kirche

Eritreisch-Orthodoxe Tewahedo-Kirche

Koptisch-Orthodoxe Kirche

Malankara Orthodoxe Syrische Kirche 

Syrisch-Orthodoxe Kirche

Geeint werden die Kirchen durch das gemeinsame christologische Bekenntnis zu Jesus Christus als wahrem Gott und wahrem Menschen, der in einer gott-menschlichen Natur existiert. Im Bekenntnis zu der einen Natur Christi hatten sich im Laufe des 5./6. Jahrhunderts größere Teile des nahöstlichen Christentums von der Reichskirche gelöst und eigene kirchliche Strukturen ausgebildet. Im Unterschied zu den östlich-orthodoxen Kirchen und den Kirchen des Westens haben die orientalisch-orthodoxen Kirchen das sogenannte 4. Ökumenische Konzil von Chalcedon 451 mit seiner Lehre von den zwei Naturen Christi nicht anerkannt. Aus diesem Grunde spricht man gelegentlich von den „Kirchen der drei Ökumenischen Konzilien“. Die Orientalisch-Orthodoxen haben diese Nomenklatur nicht übernommen. 


Miaphysiten

Anders steht es mit dem Begriff „miaphysitisch“, der in der neueren dogmengeschichtlichen Forschung eingeführt wurde, um die Lehre der Orientalisch-Orthodoxen terminologisch klar zu unterscheiden von der Lehre des Eutyches, der im Vorfeld des Konzils von Chalcedon die radikale These vertreten hatte, Christus habe nur eine einzige, nämlich göttliche, Natur besessen. Diese letztere Lehrform wird heute als „monophysitisch“ bezeichnet. In ihr wird das wahre Menschsein Christi geleugnet; sie wird von keiner heute bestehenden Kirche gelehrt. „Miaphysitisch“ meint dagegen die auf Cyrill von Alexandrien zurückgehende Überzeugung, das Persongeheimnis Christi am besten durch die Sprechweise von der „einen Natur“ (griech. mia physis) auszudrücken. Es konnte in der Forschung des vergangenen halben Jahrhunderts überzeugend nachgewiesen werden, dass auch in dieser Lehre das unverkürzte Menschsein Christi bewahrt wird. Diese theologiegeschichtliche Einsicht war der Ausgangspunkt für die ökumenischen Verständigungen, zu denen es in den letzten Jahrzehnten gekommen ist. Die Kirchen erkennen den Begriff „miaphysitisch“ als sachgemäße Bezeichnung ihrer Glaubenslehre an, bevorzugen als Eigenbezeichnung gleichwohl „orientalisch-orthodox“.


Ökumene

Den orientalisch-orthodoxen Kirchen und den östlich-orthodoxen Kirchen ist es in Konsultationen, namentlich in Chambésy (Schweiz) 1990, gelungen, den gemeinsamen Christus-Glauben trotz unterschiedlicher Formulierungen im Bekenntnis auszusagen. In bilateralen Konsultationen haben einzelne orientalisch-orthodoxe Kirchen entsprechende Konsenserklärungen mit der römisch-katholischen Kirche erreicht, die seit 2004 einen offiziellen Dialog mit allen orientalisch-orthodoxen Kirchen führt, in dem auch theologische Themen jenseits der christologischen Frage angesprochen werden. Offizielle Dialoge werden bzw. wurden u.a. auch geführt mit der EKD (seit 1983 als Kontaktgesprächskreis, seit 2017 als offizieller Dialog), den Anglikanern (seit 1985) und dem Reformierten Weltbund (seit 1994 bis 2001). Zu den Gründungsmitgliedern des ÖRK gehörten die koptische, die äthiopische und die malankarische Kirche; die übrigen orientalisch-orthodoxen Kirchen traten bis 1962 bei.

Mit Ausnahme der äthiopischen Kirche, die sich bis 1959 in einer gewissen jurisdiktionellen Abhängigkeit von der koptischen Mutterkirche befand, waren die einzelnen Kirchen nie organisatorisch zusammengeschlossen (Ausnahme: die eritreisch-orthodoxe Tewahedo-Kirche war bis ins 20. Jh. Teil der Äthiopisch-orthodoxen Tewahedo-Kirche). Auch wenn es stets ein vages Zusammengehörigkeitsgefühl gegeben haben mag, haben sich die Kirchen doch erst in den ökumenischen Kontexten des 20. Jahrhunderts als eigene Kirchenfamilie begriffen und organisiert. Die erste offizielle Konferenz aller orientalisch-orthodoxen Kirchen fand auf Initiative Kaiser Haile Selassies 1965 in Addis Abeba statt. Seitdem gibt es unregelmäßig Treffen der Kirchenoberhäupter. Im Nahöstlichen Kirchenrat (MECC) bilden die im Nahen Osten beheimateten Kirchen eine eigene orientalisch-orthodoxe Kirchenfamilie. In Deutschland sind vier orientalisch-orthodoxe Kirchen als Einzelkirchen Mitglieder in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) und in deren Deutschen Ökumenischen Studienausschuss (DÖSTA) vertreten. Ein geregelter Zusammenschluss sowie ein abgestimmtes Wirken der Kirchen in Deutschland fehlen. Wo es Religionsunterricht an staatlichen Schulen gibt, wird er allein von der syrisch-orthodoxen Kirche angeboten. Die Magdeburger Tauferklärung 2007 der ACK-Mitgliedskirchen wurde von der äthiopischen und der armenischen Kirche unterzeichnet, die koptische und die syrische Kirche konnten sich zu diesem Schritt nicht entschließen.


Liturgie

Liturgisch gehören die Kirchen zu unterschiedlichen Ritenkreisen. Es bestehen die alten Liturgiesprachen des Koptischen, Klassisch-Syrischen (Aramäischen), Altarmenischen und Altäthiopischen fort, die Zulassung von modernen Volkssprachen wird in den einzelnen Kirchen sehr unterschiedlich gehandhabt. Syrer, Armenier und Äthiopier halten weitestgehend an den alten, den Gläubigen meist unverständlichen sakralen Liturgiesprachen fest, während die Kopten in der Diaspora Teile des Gottesdienstes auf Arabisch und in den jeweiligen Landessprachen halten. Die malankarische Kirche verwendet fast ausschließlich Malayalam, die Landessprache des indischen Bundesstaates Kerala. Auch im Blick auf ihre missionarische Tätigkeit weisen die Kirchen Unterschiede auf. Während sich die armenische Kirche ausschließlich an das eigene, vielfach in weltweiter Zerstreuung lebende Volk gewiesen weiß, hat etwa die koptische Kirche eine rege und erfolgreiche Mission im subsaharischen Afrika entwickelt.

Als ihr „Paradigma“ von ekklesialer Einheit haben die orientalisch-orthodoxen Kirchen im Dialog mit der römisch-katholischen Kirche darauf hingewiesen, dass es unter ihnen keine hierarchische Abstufung gibt und das Fehlen einer zentralen Leitungsgewalt nicht als Mangel empfunden wird.  Die Kirchen sind selbstständig und unabhängig. Allein der gemeinsame Glaube wird als einigendes Band genannt.

Karl Pinggéra


Literatur

Hage, Wolfgang: Das orientalische Christentum (Die Religionen der Menschheit; 29,2), Stuttgart 2007. 

Lange, Christian / Pinggéra, Karl (Hg.): Die altorientalischen Kirchen. Glaube und Geschichte, Darmstadt 22011.

Oeldemann, Johannes: Die Kirchen des christlichen Ostens. Orthodoxe, orientalische und mit Rom unierte Ostkirchen. Regensburg, 4. erweiterte und aktualisierte Auflage 2016.

Tamcke, Martin / Heller, Dagmar (Hg.), Was uns eint und was uns trennt. 5. theologische Konsultation zwischen der EKD und den Orientalisch-Orthodoxen Kirchen (Studien zur Orientalischen Kirchengeschichte 37), Münster 2005.

Zeltner Pavlović, Irena / Illert, Martin (Hg.), Ostkirchen und Reformation 2017. Begegnungen und Tagungen im Jubiläumsjahr, Bd. 3: Das Zeugnis der Christen im Nahen Osten, Leipzig 2018, 7-267.

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