Methodisten (EmK)

Gegenwärtige Situation

Die Wurzeln des Methodismus liegen in der englischen Erweckungsbewegung des 18. Jhs. und sind mit den ursprünglich im Anglikanismus beheimateten Gründergestalten, den Brüdern Charles und John Wesley verbunden. Da eine Gruppe Oxforder Studenten sich streng an die Lebensgrundsätze der Gemeinschaft um die Brüder Wesley wie regelmäßiges Gebet, systematisches Bibelstudium und Armenfürsorge hielt, wurde sie von den übrigen Studenten spöttisch als „Methodisten“ bezeichnet. Obgleich nicht in der Reformationszeit entstanden, verstehen sich die aus der methodistischen Bewegung hervorgegangenen Kirchen als protestantische Kirchen, weil sie in ihrer Lehre zentrale Anliegen der Reformation aufgreifen. Die weltweit größte Kirche im gegenwärtigen Methodismus ist die auch in Deutschland vertretene Evangelisch-methodistische Kirche (EmK; engl. United Methodist Church). Aufgrund ihres Kirchenverständnisses gehört sie in die Konfessionsfamilie der Freikirchen. Zwar ist die Verfassung vieler methodistischer Kirchen bischöflich, aber das Bischofsamt hat einen ausgeprägt pastoralen Charakter. Die EmK kennt eine gestufte Mitgliedschaft: Zum einen Kirchenangehörige aufgrund der Taufe und zum anderen Kirchenglieder, die zusätzlich zur Taufe ein persönliches Bekenntnis zum Glauben abgelegt haben. Die EmK in Deutschland zählt etwa 46.500 Kirchenglieder und Kirchenangehörige in 432 Gemeinden. Im Weltmaßstab betrachtet gehören die methodistischen Kirchen aber zu den großen Kirchen mit mehr als 80 Millionen Mitgliedern in 80 Kirchen, die im Weltrat Methodistischer Kirchen miteinander verbunden sind. Die EmK als weltweit größte methodistische Kirche hat vor allem in den USA, aber auch in Afrika, Kontinentaleuropa und auf den Philippinen viele Mitglieder. Daneben gibt es zahlenmäßig große methodistische Kirchen in Korea, Südafrika, Nigeria und Großbritannien. In vielen Ländern (zum Beispiel Australien, Kanada, Indien) haben sich methodistische Kirchen in Vereinigte Kirchen eingebracht.
 


Geschichte

Die vor allem von den Brüdern Wesley Mitte des 18. Jhs. in England ausgehende Erneuerungs- und Erweckungsbewegung verbreitete sich zunächst als inneranglikanische Bewegung durch die intensive Predigttätigkeit etwa von J. Wesley und der von ihm eingesetzten umherreisenden Laienprediger und durch intensive Gruppenarbeit (sog. Klassen und Banden), bevor sie dann durch Auswanderer in Nordamerika eine starke Verbreitung fand. In Nordamerika konstituierte sich zuerst 1784 in Baltimore die Bischöfliche Methodistische Kirche als eigenständige, von der englischen Mutterkirche unabhängige Kirche. In England wurde die Trennung von der anglikanischen Kirche offiziell nie erklärt, aber nach dem Tod Wesleys faktisch vollzogen, indem sich die Praxis getrennter Verwaltung der Sakramente etablierte. Unterschiede z.B. in Fragen der Kirchenleitung oder der Stellung zur Sklavenfrage führten besonders im Laufe des 19. und 20. Jhs. zur Aufspaltung in verschiedene Richtungen. Die heutige EmK ging 1968 aus vier unterschiedlichen Zweigen und deren jeweiligen Vereinigungsprozessen hervor: der Wesleyanischen Methodistengemeinschaft, der Bischöflichen Methodistenkirche, den Vereinigten Brüdern in Christo und der Evangelischen Gemeinschaft. Konfessionsgeschichtlich nehmen die Methodisten vor allem Impulse aus der anglikanischen, lutherischen, calvinistischen und der Tradition der Brüdergemeinden auf. 
 


Glaubenslehre und Kirchenstruktur

Wie durch den Zusatz Evangelisch-methodistische Kirche schon angedeutet, ist die Bibel, das Evangelium von der unbedingten Liebe Gottes in Jesus Christus zu allen Menschen, die verbindliche Grundlage für Glauben und Leben der EmK. Dabei soll die Auslegung der biblischen Schriften nach folgenden drei Richtlinien erfolgen: den überlieferten Lehrgrundlagen (Tradition), der Erfahrung der Glaubenden und der Vernunft als Gabe Gottes. Die biblische Kernbotschaft von der liebevollen Annahme des Menschen durch Gott im Glauben an Jesus Christus und seiner Entsprechung in gelebter Nachfolge stets neu im Gottesdienst, im Bibelgespräch und in der liebevollen Zuwendung zu den Mitmenschen konkret zu bezeugen, kann als ein Hauptanliegen der Methodisten gelten. Damit klingt bereits ein weiteres an, das J. Wesley selbst mit dem Pauluszitat „Der Glaube, der in der Liebe tätig ist“, als typisch methodistisch herausgestellt hat: Die Heiligung des Menschen. Unmittelbar persönlich anknüpfend an Luthers Grunderfahrung von der Rechtfertigung des Sünders allein durch Glauben ereignet sich für J. Wesley im glaubensstiftenden Wort die Befreiung von Sünde und Schuld einerseits und die wirkliche Neuschöpfung des Menschen andererseits. Als so mit der Liebe Gottes Beschenkter kann und soll der Mensch diese empfangene Liebe an die Mitmenschen praktisch weitergeben. Dieser tätige Glaube ist ein wesentliches Kennzeichen methodistischer Arbeit weltweit, der sich nach innen in verbindlicher Gemeinschaft und nach außen in vielfältigen Formen sozialen Engagements realisiert. Er manifestiert sich auch in der Beteiligung an zahlreichen sozialen Werken und Einrichtungen.
In der EmK werden zwei Sakramente, die Taufe (Kinder- und Erwachsenentaufe) und das Abendmahl gespendet. Das Kirchenverständnis der EmK ist presbyterial-synodal und lässt sich als ein Verbundsystem (Connexio) von „Konferenzen“ auf verschiedenen Ebenen kennzeichnen, die für ihren jeweiligen Bereich kirchenleitende Verantwortung tragen. So bilden auf Ortsebene eine oder mehrere Gemeinden einen Bezirk und entsenden einzelne Gemeindemitglieder in die Bezirkskonferenz, die normalerweise zweimal jährlich unter dem Vorsitz des Superintendenten zusammenkommt. Die nächste Organisationsebene ist der Distrikt, der von mehreren Bezirken gebildet wird und dem der jeweilige Superintendent vorsteht. Mehrere Bezirke bilden die Jährliche Konferenz, die Tagung des Kirchenparlaments, das für Gemeinden und Bezirke des Konferenzgebietes die Leitungs- und Entscheidungsvollmacht zukommt. Verhandelt werden Fragen des Glaubens, der Kirchenverfassung und Kirchenordnung. Bei Fragen von größerer Tragweite sind entweder die Zentralkonferenz (für Deutschland zuständig) oder bei Themen von weltweiter Bedeutung die Generalkonferenz zuständig. Sowohl die Zentralkonferenz, die alle vier Jahre in Deutschland tagt, als auch die Jährlichen Konferenzen werden von einem Bischof oder einer Bischöfin geleitet. Die Zentralkonferenz wird durch gewählte Mitglieder der Jährlichen Konferenzen konstituiert. Sie setzt sich wie die Jährliche Konferenz zu gleichen Teilen aus Hauptamtlichen und Laien zusammen. Aufgabe der Zentralkonferenz ist die Leitung der EmK. Das oberste Leitungsgremium der weltweiten EmK bildet die alle vier Jahre tagende Generalkonferenz. In dieser sind die Jährlichen Konferenzen aus allen Evangelisch-methodistischen Kirchen weltweit vertreten. Durch die gemeinsame „Verfassung, Lehre und Ordnung" wird weltweit der Zusammenhalt der Evangelisch-methodistischen Kirche gewährleistet. Dieser Grundlagentext reicht weit über eine Kirchenordnung im traditionellen Sinn hinaus und stellt vielmehr ein umfassendes Kompendium methodistischer Praxis aufruhend auf seinen Lehrgrundsätzen dar. Die alle vier Jahre stattfindenden Generalkonferenzen sind der Ort der Diskussion, Überarbeitung und Fortschreibung dieses Basistextes.
 


Kirchliches Leben

Im Zentrum des kirchlichen Lebens der EmK stehen die Gottesdienstee, in denen die biblischen Lesungen, die Predigt, das gemeinsame Singen und Gebet und die Feier des Abendmahls eine zentrale Rolle einnehmen. Durch die Wahrnehmung zahlreicher Dienste im Gottesdienst durch die Gemeindeglieder wird jeder Gottesdienst zum Ort intensiver Gemeinschaftserfahrung. Das Abendmahl, das in den normalen Gottesdienstablauf integriert ist, wird in der Regel einmal im Monat gefeiert. Entsprechend der Einsicht, dass durch Glaube und Taufe alle Christen am Leib Christi teilhaben, kennt die EmK keine Rangfolge zwischen besonderen Diensten und allgemeinen Aufgaben der Gemeindeglieder. Die EmK praktiziert zwei Formen der Ordination: die eine zum Ältesten (Pastor/Pastorin), die andere zum Diakon/Diakonin. Die Spendung der Sakramente ist den Ältesten vorbehalten. In der methodistischen Bewegung wurden schon im 19. Jh. Frauen ordiniert, in Deutschland ab 1956. 
 


Ethik/Sozialethik

Seit Beginn der methodistischen Bewegung gehört die Ethik, das konkrete soziale Engagement für den Mitmenschen und die Mitwelt, zu ihren zentralen Anliegen. Es geht um ein Handeln, das dem biblischen Auftrag für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung entspricht. Von daher ist die ganzheitliche Mission, die Sendung der Kirche, nicht nur ein Handlungsfeld neben anderen, sondern Wesensäußerung der Kirche. Die vielfältigen diakonischen und sozialen Aufgaben sind Ausdruck kirchlichen Selbstverständnisses des Methodismus. Schon 1908 hat die Generalkonferenz der Bischöflichen Methodistenkirche ein „Soziales Bekenntnis“ (u.a. Abschaffung der Kinderarbeit; Regulierung der Frauenarbeit; Abschaffung der Hungerlöhne) verfasst, gedruckt und fortan weiterentwickelt. Es wurde im Zuge der Kirchenvereinigung zur EmK 1968 in einer gänzlichen Neubearbeitung als liturgischer Text aufgenommen und um daraus folgende konkrete „Soziale Grundsätze“ ergänzt, die seitdem ständig aktualisiert werden. 
 


Ökumene

Unter der Zielvorstellung Einheit in versöhnter Verschiedenheit wirkt die methodistische Kirche von Anfang an in der ökumenischen Bewegung und den sich herausbildenden Strukturen und Dialogen aktiv mit: 1926 bei der Gründung der Vereinigung evangelischer Freikirchen in Deutschland (VEF), 1948 als Gründungsmitglied des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) und der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in Deutschland; bei Lehrgesprächen mit der Vereinigten Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD) in den 1980er Jahren; bei der Einführung der Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft mit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) 1987. Die EmK nimmt über den Weltrat an allen internationalen ökumenischen Dialogen teil, auch mit der Römisch-katholischen Kirche. 2006 unterzeichnete die EmK in Deutschland die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre zwischen der Römisch-Katholischen Kirche und dem Lutherischen Weltbund. Die EmK ist Mitglied in der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE). 

Michael Kappes

gegengelesen von Stephan von Twardowski
 


Literatur

Iff, Markus: Methodisten, in: Johannes Oeldemann (Hg.), Konfessionskunde, Kap. 6.6, Leipzig – Paderborn 2015, 342-352.
Klaiber, Walter (Hg.): Methodistische Kirchen, Göttingen 2011 (= Die Kirchen der Gegenwart 2).
Klaiber, Walter / Marquardt, Manfred: Gelebte Gnade. Grundriss einer Theologie der Evangelisch-methodistischen Kirche, Stuttgart 1993 (2. Aufl., Göttingen 2006 nebst ausführlichen Bibliographien, S. 504-523).
 


Weblinks

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