Assyrische Kirche des Ostens

Gegenwärtige Situation

Die „Heilige Apostolische Katholische Assyrische Kirche des Ostens“ geht auf die Kirche des Perserreiches in Mesopotamien zurück und erreichte im Mittelalter die größte geographische Ausdehnung aller christlichen Kirchen.
Aus der Sicht der Kirche des Römischen Reiches – d.h. der heutigen Westkirchen und der Orthodoxen Kirchen – nannte man sie einfach die „Kirche des Ostens“. „Assyrisch“ und „Chaldäisch“ (so der Name für den mit Rom unierten nahöstlichen Teil; in Indien ist es die Syrisch-Malabarische Kirche) sind Bezeichnungen alter mesopotamischer Völker und kamen erst in der Neuzeit als offizielle Attribute für die jeweiligen Kirchen hinzu.


Die Assyrische Kirche des Ostens ist heute mit ca. 400.000 Gläubigen weltweit zu einer der kleineren Ostkirchen geworden.
Das Oberhaupt der Kirche, der Katholikos-Patriarch (seit 2015 Mar Giwargis III. Sliwa) residiert derzeit in Erbil (Irak). Die Heilige Synode zählt neben ihm zwei Metropoliten und 15 Bischöfe für die drei Erzdiözesen und 12 Diözesen.
Im Ursprungsland der Kirche, dem heutigen Irak, gibt es drei Diözesen: Bagdad (auch zuständig für die assyrischen Christen in Georgien und der Ukraine), Erbil (einschließlich Kirkuk) und Nohadra (auch zuständig für die Assyrer in Armenien und Russland). Die Diözese Syrien konzentriert sich auf das Gebiet von al-Hasaka und die 35 Dörfer entlang des Flusses Khabur. Es gibt auch kleine Gemeinden in Damaskus und Aleppo. Die Diözese Iran betreut die Hauptstadt Teheran, die Urmia- und Salmas-Ebene.
Die zahlenmäßig größte Metropolie ist jene von Indien, die auch den Persischen Golf betreut und zahlreiche Schulen und Krankenhäuser betreibt. Seit 60 Jahren wird das Magazin „Voice of the East“ mit aktuellen Ereignissen aus dem kirchlichen Leben publiziert.
Die Erzdiözese Australien, Neuseeland und Libanon betreibt mit der St. Hurmizd Assyrian Primary School und dem St. Narsai Assyrian Christian College auch eine Volksschule und ein Gymnasium. Melbourne und ein Teil Australiens bilden eine separate Diözese.
Nordamerika hat vier Diözesen: Ost-USA (sie war von 1994 bis 2012 patriarchale Erzdiözese) hat Jurisdiktion über Illinois, Michigan, New England und New York; West-USA-Süd über Arizona und Südkalifornien. Die Diözese Kalifornien umfasst Pfarreien im Westen der USA und im Norden Kaliforniens. Eine Diözese für Kanada betreut insbesondere Toronto, Windsor und Hamilton.
Für Europa sind zwei Diözesen zuständig. Jene von Skandinavien und Deutschland umfasst Dänemark, Schweden, Deutschland, Finnland und Norwegen. Die Diözese von Westeuropa betreut Großbritannien, Frankreich, Belgien, Luxemburg, Österreich, die Niederlande und Griechenland.
In Deutschland gibt es vier Pfarreien und vier Priester in Borken (Westfalen), Essen, Wiesbaden  und München. Nach Angaben der zuständigen Diözese unter Bischof Mar Odisho Oraham zählt man in Deutschland etwa 10.000 Gläubige.
In Österreich gibt es eine Pfarrei mit ca. 150 Familien in Wien und eine Mission in Linz (50 Familien). In der Schweiz zählt eine Mission in Zürich und Umgebung etwa 30 Familien.
 


Geschichte

Die Kirche des Ostens führt ihren Ursprung auf den Apostel Thomas und auf Addai – der Tradition nach einer der vom Herrn ausgesandten zweiundsiebzig Jünger – sowie auf dessen Schüler Aghai und Mari zurück.
Das Christentum erreichte wohl Anfang des 2. Jh. Mesopotamien. Mit dem frühen 3. Jh. lässt es sich sowohl literarisch als auch archäologisch bestens belegen und sogar auf der kleinen Insel Charg zeugen Gräber mit syrischen Inschriften von Gemeinden im Persischen Golf.
Zwischen 339 und 379, unter dem sassanidischen Großkönig Shapur II., wurde der Anspruch Kaiser Konstantins als christlicher Imperator Herrscher über alle Christen zu sein, mit einer Christenverfolgung im Persischen Reich beantwortet. Diese Kehrseite der „Konstantinischen Wende“ ist in den Persischen Märtyrerakten dokumentiert.
In vorislamischer Zeit breitete sich die Kirche des Ostens auch auf der Arabischen Halbinsel aus. Nach der Eroberung Mesopotamiens durch die Araber (7. Jh.) wurde der Katholikos-Patriarch zum wichtigen Ansprechpartner für die Kalifen. In den folgenden Jahrhunderten, mit dem 9./10. Jh. als Blütezeit, war Bagdad Zentrum einer Übersetzungstätigkeit, die von epochaler geistesgeschichtlicher Bedeutung ist. Umfassend wurden von aramäisch (syrisch)-sprachigen Christen Texte aus dem Griechischen über das Syrische in das Arabische übersetzt und so der islamisch-arabischen Kultur das Denken der griechischen Antike vermittelt. Hierdurch wurde auch die Basis für die Herausbildung einer arabischen philosophisch-theologischen Terminologie gelegt. Von den Muslimen wurde sodann das antike Gedankengut dem Abendland vermittelt, noch bevor die griechischen Originale in Europa bekannt wurden.
Das ostsyrische Christentum verbreitete syrische Liturgie und Tradition entlang der Seidenstraßen und erreichte Völker in Persien, Aserbaidschan, Afghanistan, der Mongolei, China, Tibet und Indien. Die Christen in Kerala (Thomas-Christen) waren vor der Ankunft der Portugiesen in voller Gemeinschaft mit der Kirche in Persien und übernahmen von dort ostsyrische Liturgie und Spiritualität. In der Blütezeit des 13./14. Jh. reihten sich entlang der Seidenstraßen für viele Millionen Gläubige unterschiedlicher Kulturen ca. 27 Metropolien und 230 über ganz Asien ausgedehnte Diözesen unter dem Katholikos-Patriarchen in Bagdad.
Die Invasion des Mongolenführers Timur Lenkh (1360-1405) in Zentralasien und die 1368 beginnende Ming-Dynastie, die nach der langen Fremdherrschaft in China alles Ausländische – und so auch das Christentum – beseitigte, bedeuteten den ersten Niedergang. Durch die osmanischen Deportationen im Ersten Weltkrieg (1914-18) geriet die Kirche Anfang des 20. Jh. an den Rand des Untergangs. Nach Ende des britischen Mandats im Irak (1933) kam es zu weiteren Massakern; der Katholikos wurde verbannt, sein Sitz in der Folge nach San Francisco, später nach Chicago verlegt. Erst seit 2015 ist er wieder in Bagdad.


Glaubensinhalte

Die Assyrische Kirche des Ostens wurde als „Nestorianische Kirche“ bezeichnet. Dies ist jedoch unzutreffend. Nestorius, der nach dem Konzil von Ephesus (431) abgesetzte Patriarch von Konstantinopel, wird lediglich als ein „griechischer“ Heiliger verehrt; auch ein eucharistisches Hochgebet (Anaphora) ist nach ihm benannt. Auf dem Konzil von Ephesus waren keine Bischöfe der persischen Kirche vertreten. Aufgrund ihrer antiochenischen Tradition hat die persische Kirche allerdings eine Zwei-Naturen-Christologie in den berühmten Schulen von Edessa und Nisibis rechtgläubig weiterentwickelt.
Die Kirche des Ostens ist episkopal verfasst. Die Bischöfe stehen in apostolischer Sukzession. Auf einer Synode in der persischen Hauptstadt Seleukia-Ktesiphon (410) konsolidierte sich die persische Kirche nach den Verfolgungen mit einem Katholikos-Patriarchen als Oberhaupt und nahm die Beschlüsse des Konzils von Nizäa (325) an. Um als Christen nicht in den Verdacht der Kollaboration mit dem Römischen Reich zu kommen, erklärte sich die Kirche im Perserreich 424 für vom „Westen“ unabhängig. Die Kontakte brachen dadurch jedoch nicht ab.
 


Kirchliches Leben

Die Kirche des Ostens schöpft aus einem reichen syrischen spirituellen Erbe. Wie die griechische und lateinische Tradition kennt die Assyrische Kirche sieben Sakramente, zählt dazu jedoch neben Taufe, Heiliger Salbung (Firmung) und Eucharistie die Sakramente der Weihe und der Vergebung, nicht jedoch Ehe und Krankensalbung. Stattdessen gelten in der Assyrischen Kirche das Kreuzzeichen und der „Heilige Sauerteig“ als weitere Sakramente.
Im Zentrum des gottesdienstlichen Lebens steht die Eucharistie. Die gebräuchlichste Anaphora wird den Aposteln Addai und Mari zugeschrieben. Die getauften Gläubigen empfangen Leib und Blut Christi unter beiderlei Gestalt. Für die Konsekration ist ein von einem Bischof in apostolischer Sukzession geweihter Priester erforderlich, ein Diakon muss dem Zelebranten assistieren und eine Gemeinschaft von Gläubigen anwesend sein.
Eheschließungs- und Beerdigungsgottesdienste schöpfen reich aus alten Traditionen und bestehen größtenteils aus Psalmen, Hymnen und Segenssprüchen.
 


Ökumene

Die Kirche des Ostens ist seit 1948 Mitglied im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) und partizipiert im multilateralen Dialog der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung des ÖRK. Sie anerkennt die mit einer trinitarischen Formel gespendete Taufe anderer Kirchen.
Bilaterale Beziehungen gab es mit der anglikanischen Kirchengemeinschaft, der chaldäischen Kirche und der Syrisch-orthodoxen Kirche. Während die traditionellen Beziehungen mit den Anglikanern noch nicht in einen offiziellen Dialog mündeten, ging der Dialog mit den Chaldäern im offiziellen Dialog mit der Katholischen Kirche auf und jener mit der syrisch-orthodoxen Kirche in dem seit 1994 laufenden inoffiziellen Dialog der Kirchen syrischer Tradition der Stiftung Pro Oriente. Seit 2018 unterhält die Assyrische Kirche einen offiziellen (praktischen) Dialog mit der Russischen Orthodoxen Kirche. Aufgrund des Widerstands der koptischen Kirche ist die Assyrische Kirche noch nicht Mitglied im Nahost-Kirchenrat.
Der Dialog mit der Katholischen Kirche hat herausragende Ergebnisse erbracht. 1994 unterzeichneten Johannes Paul II. und Mar Dinkha IV. eine Gemeinsame Erklärung zur Christologie, die aussagt, dass beide Kirchen eins sind im Bekenntnis desselben Glaubens an Jesus Christus. Die Arbeit der offiziellen Dialogkommission seit 1995 führte zu „Richtlinien für die Zulassung zur Eucharistie“ zwischen der chaldäischen und assyrischen Kirche (2001). Es wird diesen beiden Kirchen mit gleicher liturgischer Tradition erlaubt, dort Eucharistiegemeinschaft aufzunehmen, wo die pastorale Situation eine gegenseitige Unterstützung erfordert. 2017 wurde eine „Gemeinsame Erklärung zum sakramentalen Leben“ verabschiedet. Da die beiden Kirchen unterschiedliche Listen von Sakramenten aufweisen, ist besonders bemerkenswert, wie hier das ökumenische Prinzip der Einheit in der Vielfalt zur Anwendung kam.

Dietmar W. Winkler
 


Literatur

Baum, Wilhelm / Winkler, Dietmar W.: Die Apostolische Kirche des Ostens. Geschichte der sogenannten Nestorianer (Einführung in das orientalische Christentum 1), Klagenfurt 2000.

Hage, Wolfgang: Das orientalische Christentum, Stuttgart 2007.

Prokschi, Rudolf (Hg.): Denkwerkstatt Pro Oriente. Erfolgsgeschichte eines Ost-West-Dialogs (1964-2014), Innsbruck-Wien 2014 (Pro Oriente Bd. 38), 145-169.

Winkler, Dietmar W.: Ostsyrisches Christentum. Untersuchungen zu Christologie, Ekklesiologie und zu den ökumenischen Beziehungen der Assyrischen Kirche des Ostens (Studien zur Orientalischen Kirchengeschichte 26), Münster 2003.

Winkler, Dietmar W.: Ökumenischer Fortschritt, theologisch-historische Studien und politische Realität. Zur Arbeit mit den Kirchen syrischer Tradition, in: J. Marte / R.
 

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