Anglikaner

Situation in der Gegenwart

Die Anglikanischen und Episkopalen Kirchen gehören zur westlichen Tradition der christlichen Kirchen. 
Die Bezeichnung "Anglican" (anglikanisch) ist vom lateinischen „anglicanus“ = englisch abgeleitet. 
Die Kirche von England (The Church of England (CoE)), die „Mutterkirche“ der Anglikanischen Gemeinschaft (Anglican Communion), umfasst das geographisch-politische Gebiet Englands in den Provinzen Canterbury und York. 
Der Erzbischof von Canterbury, derzeit Justin Welby, ist Primas von ganz England und das geistliche Oberhaupt der Kirche von England sowie gleichzeitig „Ehrenoberhaupt“ der Anglikanischen Gemeinschaft. 
Etwas weniger als ein Fünftel der Bevölkerung Englands bekennt sich heute zur Kirche von England (ca. 10 Millionen). Der sonntägliche Gottesdienstbesuch liegt bei ungefähr einer Million. 
Gegenwärtig leben in Deutschland ca. 2000-3000 anglikanische Gläubige. Schon fast seit der Reformationszeit gibt es hier kontinuierlich Anglikaner. Es gibt derzeit 17 anglikanische Gemeinden, davon gehören zehn zur Diocese in Europe der Kirche von England, z.B. in Berlin, Hamburg und Stuttgart, und sieben sind Teil der Convocation of Episcopal Churches in Europe der Episkopalkirche der Vereinigten Staaten von Amerika (The Episcopal Church (TEC)), z.B. in Frankfurt, München und Wiesbaden. Die meisten dieser Gemeinden sind im Council of Anglican and Episcopal Churches in Germany (CAECG) zusammengeschlossen. 
Daneben gibt es in Deutschland die deutschsprachige, sehr kleine Reformierte Episkopalkirche (REKD) / Anglikanische Kirche in Deutschland (AKD), sowie kleine unabhängige anglikanische Gemeinden, die nicht Mitglieder der Anglikanischen Gemeinschaft sind.  
 


Geschichte

Auf den britischen Inseln waren schon in frühester Zeit Christen anzutreffen. Die Kirche von England war das Ergebnis einer Kombination aus den Überresten der alten römisch-britischen Kirche, der keltischen Tradition aus Schottland, Irland und Wales und der römischen Tradition des Heiligen Augustinus, der 597 der erste Erzbischof von Canterbury wurde, und seiner Nachfolger. Nach der Synode von Whitby (644) wurde deutlich, dass die Kirche im englischen Gebiet sich für die Bräuche der römischen Kirche statt der keltischen Kirche entschieden hatte. Unter Theodor von Tarsus (Erzbischof von Canterbury, 668-690) gewann diese englische Kirche an Gestalt und Struktur. Eine umfangreiche Missionierung aus England heraus erfolgte, z.B. durch Bonifatius, den „Apostel der Deutschen“ (672/75-754). 

Ungefähr zeitgleich mit Luthers deutscher Bibelübersetzung – und dadurch beeinflusst – leisteten englische Christen, z.B. William Tyndale (ca. 1494-1536) und Miles Coverdale (ca. 1488-1569), Pionierarbeit bei der Übertragung hebräischer und griechischer Bibeltexte in die Volkssprache. Die Übersetzung von John Wycliffe, die allerdings wahrscheinlich nicht von ihm allein verfasst wurde, erschien bereits 1382-1395.

Da König Heinrich VIII. (geb. 1491, König 1509-1547) in seiner Ehe mit Katharina von Aragon kein Thronfolger geschenkt wurde, glaubte er, sie stünde nicht unter dem Segen Gottes und wollte sie annullieren lassen. Der Papst aber schob sein Annullierungsgesuch aus politischer Rücksichtnahme so lange auf, bis Heinrich VIII. schließlich die englische Kirche aus der Jurisdiktion Roms löste und sich 1534 per Parlamentsgesetz (Act of Supremacy) zum „Haupt der Kirche von England“ anstelle des Papstes einsetzte. Thomas Cranmer (1489-1556), ab 1533 Erzbischof von Canterbury, annullierte die Ehe zwischen Heinrich und Katharina von Aragon, so dass Heinrich eine neue Ehe eingehen konnte. 

Trotz der Loslösung von Rom blieben die alten Bischofsitze und Strukturen bestehen, aber es war Raum für Reformen entstanden. Theologisch Wesentliches geschah erst unter Heinrichs Nachfolger Edward VI. (geb. 1537; König 1547-1553), der Veränderungen in Liturgie (Book of Common Prayer) und Lehre (42 Articles of Religion) durchführte. So wurden z.B. Gottesdienste in englischer Sprache verbindlich, die Heilige Messe wurde verboten und der Zölibat für Priester abgeschafft. 

Dabei entstanden rege Kontakte zu Reformatoren auf dem Kontinent. Nachhaltig einflussreich wurde vor allem der Straßburger Reformator Martin Bucer (1491-1551), der Cranmer bei der Gestaltung des Book of Common Prayer beriet, durch das eine weitreichende Gottesdienstreform und damit auch die Einführung reformatorischer Lehre erreicht wurde. 
Nach dem Tod Edwards VI. kam es unter seiner Halbschwester Königin Maria (geb. 1516, Königin von 1553-1558) zu einer katholischen Restauration und Wiedereinführung des „alten Glaubens“. Ihre Nachfolgerin Elisabeth I. (geb. 1533, Königin von 1558-1603) lenkte zu einem vorsichtig reformatorischen Kurs zurück. 
1559 wurde die Suprematsakte mit dem Suprematseid auf die Königin als Supreme Governor der Kirche und wieder eine Uniformitätsakte erlassen, das Book of Common Prayer wieder eingeführt, das Abendmahl unter beiderlei Gestalt gefeiert, Reliquien- und Bilderverehrung sowie Prozessionen verboten. 1563 wurden die 39 Artikel erlassen. 
Im Laufe der Reformation kam es in England und vor allem in Schottland zu heftigen Streitigkeiten über die Kirchenverfassung und vor allem darüber, ob die Kirche Bischöfe haben sollte oder nicht.
Durch einen Bürgerkrieg gelangten die Puritaner unter Oliver Cromwell an die Macht. Karl I. wurde 1649 hingerichtet und Cromwell wurde 1653 zum Lord Protector des Commonwealth erhoben. Nach dem Tod Cromwells (1658) erfolgte durch die Stuart-Restauration die Wiederherstellung der Monarchie. Dadurch kam Karl II. (geb. 1630) an den Thron und wurde König von England (mit Wales), Schottland und Irland (1660-1685). Er tendierte heimlich zur römisch-katholischen Kirche
Sein Bruder und Nachfolger Jakob II. (1685-1689) bekannte sich offen zur römisch-katholischen Kirche. Er dankte in Folge der Glorious Revolution ab. Unter seinen Nachfolgern William und Mary wurde den Nicht-Anglikanern (Dissenters) Toleranz gewährt. Die Dissenters waren nach 1660 in England, wie auch die Presbyterianer in Schottland, unterdrückt worden. Unter William und Mary wurde in Schottland die Presbyterialverfassung bestätigt und die Schottische Episkopalkirche wiederum unterdrückt.

Im 18. Jahrhundert kam es in der Church of England zu einer innerkirchlichen Erneuerung. Unter der Leitung der anglikanischen Priester John und Charles Wesley, George Whitefield, und anderer ging der Methodismus hervor.  Die mit ihnen verbundenen „Evangelicals“ waren sehr prägend für die Church of England. 

Im 19. Jahrhundert setzte die Oxford-Bewegung (Tractarian Movement) eine katholische Erneuerung in Gang, die großen Einfluss auf Lehre und Erneuerung der Liturgie ausübte. 
Neben der aus der Oxford-Bewegung hervorgegangenen hochkirchlichen Bewegung (high church), die die Liturgie und die Sakramente im Sinn der weltweiten „katholischen“ Kirche betont, entfaltete sich eine „liberale“ Richtung, die sich der Naturwissenschaft, der historisch-kritischen Methode und sozialen Problemen öffnete (broad church). Die evangelikale Partei (low church) unterhielt enge Verbindung zum Methodismus. Bis heute lassen sich diese Strömungen in den anglikanischen Kirchen unterscheiden. 
 


Glaubensinhalte

Grundlegend ist die Verbindung von Altem und Neuem Testament, zwei altkirchlichen Glaubensbekenntnissen und den Lehren der ersten vier Ökumenischen Konzile auf der einen Seite mit den drei reformatorisch geprägten „historischen Formeln“ (39 Artikel, Book of Common Prayer, Ordinale) auf der anderen Seite, wobei die 39 Artikel nicht von allen anglikanischen Kirchen anerkannt werden (z.B. nicht von der Schottischen Episkopalkirche). 

Das Sakramentsverständnis wird oft mit „zwei plus fünf“ beschrieben: Taufe und Abendmahl  wurden durch die Reformationszeit hindurch als Sakramente beibehalten. Konfirmation, Ordination, Ehe, Beichte und die Krankensalbung werden als „kleinere“ Sakramente anerkannt. In der Regel werden Kinder getauft, aber auch die Erwachsenentaufe wird praktiziert. Das Abendmahl wird in beiderlei Gestalt gefeiert. Das geistliche Amt ist dreifach gegliedert: Diakon, Priester und Bischof in apostolischer Sukzession. In der Kirche von England wurden 1986 zum ersten Mal Diakoninnen ordiniert. 1994 wurde die Ordination von Frauen zum Priesteramt eingeführt. Die erste Bischöfin wurde 2015 geweiht. 

Anglikanische Kirchen verstehen sich als „katholisch und reformiert“. Dies bedeutet, dass sie heute z.B. die historischen Ämter und Sakramente (2+5) haben sowie die Eucharistiefeier als Hauptgottesdienst verstehen. Sie haben aber auch Einsichten aus der Reformation in ihrer Theologie und liturgischen Praxis verankert, z.B. dass die Heilige Schrift „alle Dinge, die zum Heil notwendig sind, [enthält]“ (Art. VI der 39 Artikel) und durch die Brillen „Tradition“ und „Vernunft“ interpretiert wird, Frauenordination, kein Pflichtzölibat und die Betonung des „Priestertums aller Getauften“. 

Anglikanische Kirchen sind sowohl episkopal als auch synodal strukturiert. Die Kirche von England wird durch die Generalsynode geleitet, die in drei Häuser gegliedert ist: Haus der Bischöfe, Haus des Klerus und Haus der Laien. Darüber hinaus haben Diözesen und Dekanate ihre eigenen Synoden. Die Kirchengemeinde wird vom Gemeindekirchenrat geleitet, dem der zuständige Priester oder die Priesterin vorsteht. 
 


Glaubens- und Gemeindeleben

In den anglikanischen Kirchen gibt es eine reiche liturgische Tradition und eine Vielfalt an unterschiedlichen Gottesdienstformen, von einfach bis ausgeschmückt, von evangelikal bis katholisch, von charismatisch bis traditionell, also z.B. hochkirchliche liturgische Gottesdienste, aber auch „Fresh Expressions of Church“ („FX“). Traditionell stehen die täglichen Morgen- und Abendgebete (Matins und Evensong) zusammen mit der Eucharistiefeier im Mittelpunkt anglikanischer Liturgie. Die Feier der Eucharistie ist Priestern und Priesterinnen bzw. Bischöfen und Bischöfinnen vorbehalten. Laien wirken im Gottesdienst mit. In manchen anglikanischen Kirchen gibt es Reader, die predigen dürfen. 
Viele anglikanischen Gemeinden sind diakonisch aktiv und bieten z.B. soziale Unterstützung an.

Anders als in den übrigen anglikanischen und episkopalen Kirchen, sind Kirche und Staat in England eng verzahnt. An der Spitze der Kirche von England steht der britische Monarch als Supreme Governor (oberster Regent). Der König oder die Königin wird vom Erzbischof von Canterbury gekrönt. Die Erzbischöfe von Canterbury und Cork und etwa die Hälfte der Diözesanbischöfe sind qua Amt Mitglieder im parlamentarischen Oberhaus. Die Bischöfe von London, Durham und Winchester sind immer Mitglied. In England gibt es keine Kirchensteuer. Bis auf wenige Ausnahmen (z.B. Militär- und Gefangenenseelsorge) beteiligt sich der Staat nicht an der Finanzierung der Kirche. 
 


Ökumene

Das Lambeth Quadrilateral (1888) bietet eine grundlegende Aussage über die anglikanischen Minimalvoraussetzungen für die christliche Einheit.
Die anglikanischen und episkopalen Kirchen sind Gründungsmitglied des ÖRK und seiner Vorläufer. In Deutschland sind sie ACK-Mitglied auf allen Ebenen.
Die älteste formale ökumenische Beziehung besteht mit der Altkatholischen Kirche der Utrechter Union (volle Kirchengemeinschaft seit der Bonner Vereinbarung, 1931).
Mit der Meissener Erklärung (1991) erkennen sich die Kirche von England und die EKD gegenseitig als Kirche an, stellen eucharistische Gastfreundschaft und ermöglichen den Kanzeltausch. Es besteht aber noch keine volle Kirchengemeinschaft mit voller Austauschbarkeit der Amtsträger. 
Volle Kirchengemeinschaft besteht zwischen den irischen und englischen anglikanischen Kirchen und den nordischen und baltischen lutherischen Kirchen (Porvooer Gemeinsame Feststellung (1992/93)) sowie zwischen der episkopalen bzw. anglikanischen Kirchen in USA (TEC) und Kanada (ACC) und lutherischen Kirchen (ELCA und ELCC) in diesen beiden Ländern
Eine Erklärung, die darauf zielt, volle Kirchengemeinschaft zwischen der TEC und der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern herzustellen, ist in Arbeit. 


Miriam Haar
 


Literatur

  • Armentrout, Don S. & Slocum, Robert Boak (Hrsg.), An Episcopal Dictionary of the Church, New York 2000.
  • Avis, Paul: Die anglikanischen Kirchen, in: Johannes Oeldemann, Konfessionskunde, Leipzig/ Paderborn 2015, 158–187.
  • Chapman, Mark D.: Anglicanism: A Very Short Introduction, Oxford 2006.
  • Chapman, Mark/ Clarke, Sathianathan/Douglas, Ian/Percy, Martyn Percy (Hrsg.): The Oxford Handbook of Anglican Studies, Oxford 2015. 
  • Davie, Martin: A Guide to The Church of England, London 2008. 
  • Pui-Lan, Kwok/ Berling, Judith/Plane Te Paa, Jenny (Hrsg.), Anglican Women on Church & Mission, Canterbury Studies in Anglicanism, Norwich 2013.
  • Spencer, Stephen: SCM Studyguide to Anglicanism, London 22021. 
     
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